Im Krieg gegen uns selbst – amerikanische Außenpolitik und ihre Folgen im eigenen Land

„Der US-Journalist Will Porter stellt fest, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Waffengewalt und Suizidrate in den Vereinigten Staaten und der aggressiven amerikanischen Außenpolitik gibt. Josefa Zimmermann hat den Artikel, der im Original auf Consortiumnews erschienen ist, für die NachDenkSeiten ins Deutsche übersetzt.

Über die Wurzeln der amerikanischen Waffengewalt-Epidemie in ausländischen Kriegsgebieten

In den letzten Monaten wurde die Debatte über Waffengewalt in den Vereinigten Staaten, über ihre Ursachen und mögliche Auswege durch eine Reihe von Amokschießereien an Schulen neu entfacht. Doch bei den endlosen Diskussionen über Schießattacken an Schulen und über AR-15-Gewehre fällt auf, dass ein großes Puzzlestück fehlt.

Entgegen der Annahme, dass im Zusammenhang mit Waffengewalt die Morde das zentrale Problem seien, zeigen Daten aus den letzten Jahren, dass bei der Mehrzahl der Todesfälle die Benutzer die Schusswaffen gegen sich selbst gerichtet hatten.

Im Jahr 2015 wurden in den USA über 60 Prozent der Suizide mit Schusswaffen ausgeführt, während es bei Tötungsdelikten nur rund 36 Prozent waren. Schusswaffen sind die am häufigsten angewandte Methode, mit der Menschen ihrem Leben ein Ende setzen.

Während die Ursachen der Selbstmord-Epidemie in Amerika komplex und zahlreich sind, steht fest, dass eine Gruppe in der Statistik überproportional vertreten ist – die Kriegsveteranen.

Jenseits des Physischen

Einer Studie des Department of Veterans Affairs (VA) von 2016 zufolge begehen im Durchschnitt jeden Tag etwa 20 Veteranen Selbstmord. Die Neigung zum Suizid ist bei ihnen am höchsten im Vergleich zu Menschen aus anderen Berufen. Obwohl Veteranen weniger als 9 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, lag ihr Anteil bei den Selbstmördern im Jahr 2014 bei 18 Prozent.

Wenn Veteranen aus chaotischen Kriegsgebieten zurückkehren, kann die Wiederaufnahme eines normalen Zivillebens große Schwierigkeiten bereiten. Die Belastungen des Krieges haben dauerhaft eine „Kampf-oder-Flucht-Reaktion” zur Folge, die nicht nur körperliche Symptome wie Schweißausbrüche, Zittern oder Herzrasen hervorruft, sondern auch einen mentalen und moralischen Tribut fordert.

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist nicht nur verantwortlich für einige der körperlichen Traumafolgen, wie die “Kampf-oder-Flucht-Reaktion“, sondern auch für ausgeprägte mentale, moralische und spirituelle Qualen, die viele Veteranen und andere Traumatisierte erleben. Man bezeichnet sie als „Moralische Verletzung“.

Ein besseres Verständnis dieses Konzepts und der damit verbundenen Selbstschädigungen könnten einen großen Beitrag zur Erklärung und schließlich auch zur Überwindung der amerikanischen Selbstmord-Epidemie leisten.

„Moralische Verletzung geht über das Physische hinaus und fragt, wer wir als Menschen sind“, sagt Peter Van Buren, ein früherer Mitarbeiter des State Department im Auswärtigen Dienst. „Es beinhaltet, dass wir in der Lage sind, Richtig und Falsch zu unterscheiden und dass wir uns selbst verletzen, wenn wir dazu nicht in der Lage sind. Wir fügen uns selbst Narben zu, genauso, als hätten wir uns mit einem Messer verletzt.”

Obwohl selbst kein Veteran, verbrachte Van Buren während seiner Zeit im Auswärtigen Dienst ein Jahr gemeinsam mit amerikanischen Soldaten auf einer Einsatzbasis im Irak. Die dort gemachten Erfahrungen begleiten ihn ein Leben lang.

„Im Laufe des Jahres, in dem ich dort tätig war, verlor die Einheit, in die ich „eingebettet“ war, drei Männer, und zwar alle durch Selbstmord, nicht durch feindliche Aktionen”, sagte Van Buren. “Dies hinterließ bei mir einen außergewöhnlich starken Eindruck und ist bei einigen meiner Veröffentlichungen der Grund, warum ich schreibe.“

Nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst begann Van Buren mit Recherchen für seinen Roman Hooper’s War, eine fiktive Geschichte, die während des 2. Weltkrieges in Japan spielt. Im Zentrum des Buches steht ein amerikanischer Veteran, Nate Hooper, und es schildert die psychologischen Folgen, die diejenigen zu tragen haben, die einen Krieg überleben. Van Buren sagte, er dachte, er könne das Thema besser erforschen, wenn er die Handlung des Buches in die Vergangenheit verlegt ohne die Last der aktuellen Politik.

Während seiner Recherchen interviewte Van Buren japanische Zivilisten, die zur Zeit des Konflikts Kinder waren, und entdeckte überraschende Parallelen zu den Soldaten, mit denen er im Irak zusammen war. Die Schuldgefühle infolge des Krieges betreffen nicht nur die Kämpfer, die grausame Gewalttaten verübt hatten, sondern auch die Zivilisten, die im Kreuzfeuer gefangen waren.

Für viele bedeutet das bloße Überleben eines Krieges, in dem andere starben, einen erheblichen Leidensdruck, ein Zustand, der als “Schuld der Überlebenden” bekannt ist.

„Als ich mit ihnen sprach, hörte ich so viele Wiederholungen dessen, was ich schon von den Soldaten im Irak gehört und auch selbst erlebt hatte, dieses tiefe Schuldgefühl”, sagte Van Buren.

„Wir haben sie getötet”

Ganz gleich, ob ein Soldat etwas selbst getan hat, nur Zuschauer war oder etwas nicht verhindern konnte, die Schuldgefühle können Veteranen nach ihrer Rückkehr dauerhaft belasten.

„Aber das Schreckliche ist die Realität dahinter”, sagte Ellison. “Im Hintergrund wissen wir, was wir getan haben. Wir wissen, dass wir nicht für die Freiheit gekämpft haben. Ich glaube, es ist schädlich, wenn sich jemand an diese Heldengeschichte klammert. Man muss innerlich damit kämpfen. Ich bin wirklich überzeugt, das ist der wesentliche Faktor, der bei vielen Menschen zum Selbstmord führt. Sie sind nicht in der Lage, darüber zu sprechen, nicht in der Lage, es an die Oberfläche zu bringen und damit umzugehen.”

Die Lösung ist unklar

Laut der VA-Studie von 2016 waren 70 Prozent der Veteranen, die Selbstmord begingen, keine regelmäßigen Nutzer von Angeboten des Department of Veteran Affairs.

Das Department of Veteran Affairs (VA) wurde 1930 gegründet, um medizinische Versorgung, Unterstützungszahlungen und Bestattungen von Veteranen zu regeln, doch 87 Jahre später ist die Institution von Skandalen und Missmanagement gezeichnet. Lange Wartezeiten, wie sie auch in vielen Bereichen der öffentlichen Gesundheitsversorgung üblich sind, halten die Veteranen davon ab, die Unterstützung des Departments in Anspruch zu nehmen, vor allem, wenn sie dringend psychiatrische Hilfe benötigen.

2014 wurde von dem Generalinspekteur der VA, Richard Griffin, eine unabhängige Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnis war, dass bei einer Einrichtung der VA in Arizona 1700 Veteranen auf Wartelisten standen, die im Durchschnitt 115 Tage auf ein Erstgespräch warteten.

„Menschen suchen im Allgemeinen keine medizinische Hilfe, weil das VA-System so ineffizient und ineffektiv ist. Jeder hat das Gefühl, seine Zeit zu verschwenden”, sagt ein pensionierter leitender Unteroffizier der Special Operations Forces (SOF), der anonym bleiben will.

„Das System funktioniert so schlecht, sogar innerhalb der SOF, wo ich tätig war, dass ich vermeide, es in Anspruch zu nehmen“, sagte der pensionierte Offizier. “Ich versuche, meine Leute in nicht-militärischen Krankenhäusern unterzubringen, damit sie eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung anstelle der militärischen erhalten können.”

Abgesehen von den Institutionen stimmten Ellison und Van Buren darin überein, dass es für sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Normalität war, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Das offene Gespräch ist also nicht nur eine Möglichkeit, Veteranen und andere Opfer von Traumata zu heilen, sondern es könnte letztendlich auch der Schlüssel zu einem Ausweg aus der amerikanischen Waffengewalt-Epidemie sein.

Es ist zweifellos wichtig, die Faktoren zu erforschen, die zu Massenmorden, Amokschießereien an Schulen und Kriminalität im privaten Umfeld beitragen, aber solange Selbstmord nicht Bestandteil des öffentlichen Diskurses über Waffen ist, sind keine echten Lösungen in Sicht.”

Quelle und gesamter Text: https://www.nachdenkseiten.de/?p=44754