System der Vergeudung – Mensch im Anthropozän

“Die kapitalistische Produktionsweise untergräbt die Lebensgrundlagen dieses Planeten. Ein Überleben der Menschheit sichert nur eine lange ökologische Revolution gegen das Akkumulationsregime.

Bis zum Aufstieg der Ökologiebewegung im späten 20. Jahrhundert war die Beherrschung der Natur eine weitverbreitete Metapher, die oft mit dem Fortschritt im Kapitalismus (und manchmal im Sozialismus) gleichgesetzt wurde. Sicher, diese Vorstellung, so wie sie in den (Natur-)Wissenschaften verwendet wurde, war komplex. Wie Francis Bacon (1561–1626) als der führende frühe Anhänger dieser Idee es ausdrückte: »Die Natur kann nur bezwungen werden, indem man ihr gehorcht.«

Überschreitung natürlicher Grenzen

Nach den großen Dichtern der Romantik waren die Begründer des klassischen historischen Materialismus, Karl Marx und Friedrich Engels, während der industriellen Revolution die entschiedensten Gegner der Idee der Naturbeherrschung. Marx merkte an, Bacons Maxime kommentierend, dass im Kapitalismus die Erforschung der Natur eigenen Gesetze »nur als eine List erscheint, um sie menschlichen Bedürfnissen zu unterwerfen«, insbesondere den Zwecken der Akkumulation. Doch trotz dieser raffinierten »List« kann das Kapital nie völlig die materiellen Grenzen der Natur überwinden, die sich immer wieder geltend machen. Sein Umgang mit natürlichen Grenzen als bloßen Hindernissen, die überwunden werden sollen, und nicht als tatsächliche Grenzen, verleiht dem Kapital seinen enorm dynamischen Charakter. Jedoch bedeutet die gleiche Weigerung, natürliche Grenzen anzuerkennen, dass das Kapital dazu tendiert, kritische Schwellen ökologischer Nachhaltigkeit zu überschreiten, und damit unnötige und bisweilen unumkehrbare Zerstörungen verursacht. Im »Kapital« wies Marx auf solche Brüche im sozial-ökologischen Stoffwechsel von Menschheit und Natur hin, die durch die Akkumulation des Kapitals erzeugt werden. Und auf die Notwendigkeit, diesen Stoffwechsel durch eine nachhaltigere Beziehung zur Erde wiederherzustellen, indem man den Planeten als »Boni patres familias« (gute Familienväter) für kommende Generationen von Menschen erhält und sogar verbessert.

In letzter Zeit ist diese Thematik mit der Klimakrise und der Einführung des »Anthropozäns« als wissenschaftlicher Klassifizierung des veränderten Verhältnisses des Menschen zum Planeten erneut relevant geworden. Das Anthropozän wird innerhalb der Wissenschaft allgemein als neue geologische Epoche definiert, die der Epoche des Holozäns der letzten 12.000 Jahre nachfolgt – ein Übergang, der seit dem Zweiten Weltkrieg durch einen »anthropogenen Riss« im Erdsystem gekennzeichnet ist. Nach Jahrhunderten eines Wissenschaftsverständnisses, das auf der Beherrschung der Natur beruht, haben wir nun unbestreitbar ein qualitativ neues und gefährliches Stadium erreicht, welches durch das Aufkommen von Atomwaffen und des Klimawandels gekennzeichnet ist – was der marxistische Historiker E. P. Thompson als »Exterminismus, die letzte Stufe des Imperialismus« bezeichnet hat.

Aus ökologischer Sicht markiert das Anthropozän – für das nicht nur die Klimakrise steht, sondern allgemein für die Überschreitung der natürlichen Grenzen des Planeten – die Notwendigkeit einer kreativeren, konstruktiveren und koevolutionären Beziehung zur Erde. In der ökosozialistischen Theorie erfordert dies die Rekonstitution der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit auf einer egalitären und nachhaltigen Basis. Es bedarf einer langen und anhaltenden ökologischen Revolution, die sich notwendigerweise in Etappen über Jahrzehnte und Jahrhunderte erstrecken wird. Angesichts der Bedrohung der Erde als Lebensraum für Menschen – bedingt durch Klimawandel, Übersäuerung der Ozeane, Artensterben, Verlust von Süßwasser, Entwaldung, Umweltvergiftung und vieles mehr – erfordert diese Transformation eine sofortige Umkehr im Akkumulationsregime. Dies bedeutet, sich der Logik des Kapitals zu widersetzen, wann immer und wo immer es die »kreative Zerstörung« des Planeten fördern will.

Solch eine Wiederherstellung der Gesellschaft im allgemeinen kann nicht bloß durch technologische Mittel erfolgen, sondern muss den Stoffwechsel des Menschen mit der Natur durch die Produktion und damit den gesamten Bereich der »sozialen metabolischen Reproduktion« transformieren. In unserer Zeit wird dem ökologischen Marxismus oder dem Ökosozialismus – als der umfassendsten Antwort auf die strukturelle Krise unserer Ära – die kapitalistische Ökomoderne gegenübergestellt. Diese schließt an eine frühere Ideologie der Moderne an, die sich von Anfang an gegen die Vorstellung wehrte, dass das Wirtschaftswachstum mit »Grenzen der Natur« konfrontiert ist. Während der Ökosozialismus darauf besteht, dass eine Revolution zur Wiederherstellung einer nachhaltigen Beziehung der Menschheit zur Erde einen Frontalangriff auf das System der Kapitalakkumulation erfordert – und dies nur durch egalitäre gesellschaftliche Verhältnisse und bewusste koevolutionäre Beziehungen zur Erde erreicht werden kann – verspricht der Ökomodernismus das genaue Gegenteil.

Das beste aktuelle Beispiel dieser Tendenz auf der Linken in den Vereinigten Staaten ist die Sommerausgabe 2017 der Zeitschrift Jacobin mit dem Titel »Earth, Wind and Fire«. Nach Ansicht der Autoren in diesem Sonderheft ist die Bewältigung des Klimawandels und anderer ökologischer Probleme in erster Linie von Innovationen bei der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien abhängig und erfordert keine Kritik am Prozess der Kapitalakkumulation oder am Wirtschaftswachstums selbst.

Bemerkenswert an der Sonderausgabe von Jacobin ist, wie weit Autoren und Herausgeber von einem genuinen Sozialismus entfernt sind – sofern es dabei um eine Revolutionierung der sozialen und ökologischen Verhältnisse geht, die auf eine Welt substantieller Gleichheit und ökologischer Nachhaltigkeit abzielt. Was uns statt dessen angeboten wird, ist eine mechanistische, techno-utopische »Lösung« für das Klimaproblem, die das gesellschaftlich bedingte Verhältnis von Wissenschaft und Technologie genauso ignoriert, wie die menschlichen Bedürfnisse und die weitere Umwelt. Anders als der ökologische Marxismus und die radikale Ökologie im allgemeinen stellt diese Vision einer staatlich gelenkten, technokratischen, umverteilenden Marktwirtschaft, die durch Geoengineering verstärkt wird, das System der (kapitalistischen) Warenproduktion nicht grundsätzlich in Frage. Die ökologische Krise, die durch den Kapitalismus verursacht wurde, wird hier als Rechtfertigung verwendet, um alle ernsthaften ökologischen Werte beiseite zu schieben. Ein so konzipierter Sozialismus unterscheidet sich kaum vom Kapitalismus – er ist keine Bewegung, welche die verallgemeinerte Warengesellschaft ersetzt, sondern eine, die der Grundstruktur der kapitalistischen Moderne entspricht. Im besten Fall stellt dies eine Verkürzung der sozialistischen Vision dar, um in der liberalen politischen Arena erfolgreich zu sein. Aber die Kosten eines solchen Kompromisses mit dem Status quo bedeuten den Verlust jeglicher Vorstellung von einer alternativen Zukunft.

Ökologische Planung

Wie also sehen wir die notwendige ökologische und soziale Revolution unserer Zeit? Engels betonte im 19. Jahrhundert, das Gebot, dass die Gesellschaft sich im Einklang mit der Natur entwickeln müsse, sei die einzig genuin wissenschaftliche Sichtweise: »Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln – zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können.«¹ Vielmehr: Es gibt keine Möglichkeit, den Naturnotwendigkeiten ein Schnippchen zu schlagen. Engels argumentierte, dass die Baconsche »List« der Naturbeherrschung – den Naturgesetzen zu gehorchen mit dem einzigen Zweck, die Akkumulation des Kapitals zu fördern – sich letztlich als zerstörerisch erweisen würde, weil dies langfristige Konsequenzen ignoriere. Im Unterschied dazu ging es dem »wissenschaftlichen Sozialismus« nicht um den vergeblichen Versuch, die Natur zu unterwerfen, sondern vielmehr um die Förderung der menschlichen Freiheit in Übereinstimmung mit den Bedingungen, die uns die materielle Welt auferlegt.

Heute hat das wachsende Bewusstsein für solche Probleme – und für die unabweisbare Abhängigkeit der Menschheit von der natürlichen Welt – Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dazu geführt, nachhaltigere Formen der Entwicklung zu erforschen, etwa in der Agrarökologie, Bionik und Ökosystemtheorie. »Das übergeordnete Ziel einer ökologischen Gesellschaft«, schreiben Fred Magdoff und Chris Williams, »besteht darin, eine gesunde Biosphäre zu erhalten und gleichzeitig menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.«² Dies ist keine unmögliche Aufgabe, aber sie erfordert die Entwicklung der Wissenschaft auf einer höheren Ebene. Also eine, die sich nicht nur mit mechanischer Bearbeitung der Erde und ihrer Bewohner für privaten Gewinn befasst, sondern auf dem Verständnis für und der Sorge um die komplexen Kollektive beruht, die lebende Systeme und menschliches Leben selbst ausmachen. Dies erfordert eine ökologische Planung. Die ist aber nur dann möglich, wenn sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern – indem »Freiheit« so definiert wird, dass dies Bedürfnisse einschließt, die tiefer und breiter angelegt sind als solche, die den individuellen Eigennutz in einer Warenwirtschaft verfolgen. Das bedeutet, dass wir uns nicht vor der Klimakrise – wie katastrophal auch immer ihre wahrscheinlichen Folgen sein mögen – wegducken und die bisherigen Einstellungen zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur beibehalten dürfen, die die gegenwärtigen beispiellosen Bedrohungen der menschlichen Zivilisation hervorgebracht haben. Denn dann wäre unser Schicksal besiegelt.

System der Vergeudung

Wir können den langfristigen ökologischen Folgen der kapitalistischen Entwicklung nicht entkommen durch den faustischen Pakt, immer mehr Atomkraftwerke auf der ganzen Welt zu bauen, oder indem wir rücksichtslos Schwefelpartikel in die Atmosphäre pusten – alles zum Zwecke der ungeheuer wachsenden Warenwirtschaft und der Kapitalakkumulation. Abgesehen davon, dass diese aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar sind, müssen solche Pläne wegen der immensen, unvorhergesehenen Auswirkungen, die unweigerlich eintreten würden, abgelehnt werden. Für die CCS-Technologie³ als primäre Lösung für die Klimakrise zu plädieren (es steht außer Frage, dass eine solche Technologie begrenzt eine positive Rolle spielen könnte), bedeutet zum Beispiel, dafür zu werben, für diese Anlagen immense Mengen an Ressourcen zur Verfügung zu stellen – in einer Größenordnung, die jener für die gesamte bestehende Energieinfrastruktur der Welt entspricht, mit allen möglichen zusätzlichen ökologischen wie sozialen Kosten und Folgen.

Der bessere und schnellere Weg, der Klimakrise zu begegnen ist eine Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Darüber hinaus ist jeder angeblich sozialistische Ansatz zur Lösung der Umweltprobleme mit einem Mangel an Courage behaftet, der sich nur auf den Klimawandel konzentriert, dabei die Existenz anderer planetarischer Grenzen ignoriert oder sogar ablehnt, und ansonsten auf rein technologische Lösungen setzt. Dies ist die Weigerung, sich einem neuen, weiteren Bereich der Freiheit zu öffnen, um der Herausforderung zu begegnen, die uns die historische Realität heute auferlegt. Die Menschheit kann sich im 21. Jahrhundert nicht weiterentwickeln, ohne sich mehr kollektive und nachhaltige Formen der Produktion und des Konsums im Einklang mit biosphärischen Realitäten zu eigen zu machen.

Hier ist es wichtig zu erkennen, dass der heutige Monopolfinanzkapitalismus ein System ist, das auf Verschwendung aufgebaut ist. Der größere Teil der Produktivkräfte wird für negative (oder spezifisch kapitalistische) Gebrauchswerte vergeudet, in Form von Militär- und Marketingausgaben und die in jedes Produkt, einschließlich seines eingeplanten Verfallsdatums, eingebauten Ineffizienzen. Der Konsum von immer sinnloseren und destruktiven »Gütern« wird als Ersatz für alles angeboten, was die Menschen wirklich wollen und brauchen. Wie der marxistische Ökonom Paul A. Baran schrieb: »Menschen, die von der Kultur des Monopolkapitalismus durchdrungen sind, wollen nicht, was sie brauchen, und brauchen nicht, was sie wollen.«⁴

Abgesehen von den bloßen physischen Notwendigkeiten wie Nahrung, Unterkunft, Kleidung, sauberem Wasser, sauberer Luft usw. gehören dazu Liebe, Familie, Gemeinschaft, sinnvolle Arbeit, Bildung, kulturelles Leben, Zugang zur natürlichen Umwelt und die freie und gleichberechtigte Entwicklung jeder Person. Die kapitalistische Ordnung begrenzt oder pervertiert all dies, indem sie eine künstliche Verknappung bei lebensnotwendigen Gütern schafft, um ein triebhaftes Verlangen nach unwesentlichen Dingen zu erzeugen – alles zum Zweck größerer Profitabilität mit der Folge wachsender Vermögensungleichheit. Allein die Vereinigten Staaten geben derzeit jährlich mehr als eine Billion Dollar für Militär und Marketing aus – letzteres zielt darauf ab, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu kaufen, die sie sonst nicht kaufen würden.

Es besteht kein Zweifel, dass die gegenwärtige planetare ökologische Krise technologischen Wandel und Innovation erfordert. Verbesserungen bei der Nutzung von Sonnen- und Windenergie und andere Alternativen zu fossilen Brennstoffen sind ein wichtiger Teil des ökologischen Ausgleichs. Es ist jedoch nicht wahr, dass alle Technologien, die benötigt werden, um den planetaren Notstand zu bewältigen, neu sind, oder dass technologische Entwicklung allein die Antwort ist. Trotz der Wunder intelligenter Maschinen gibt es keine Lösung für die globale ökologische Krise als Ganzes, die mit den kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen vereinbar ist. Jegliche ökologische Verteidigungslinie, die in der Gegenwart errichtet wird, muss sich gegen die Logik der Kapitalakkumulation richten. Ebensowenig kann ein Eingreifen des Staates, der als eine Art gesamtgesellschaftlicher Kapitalist fungiert, den Ausschlag geben. Vielmehr würde eine den Bedürfnissen der Welt angemessene lange ökologische Revolution bedeuten, den gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur zu verändern und der Entfremdung von Natur und menschlicher Arbeit im Kapitalismus entgegenzuwirken. Vor allem müssen wir uns darum kümmern, die ökologischen Grundlagen für zukünftige Generationen zu erhalten – genau dies ist Nachhaltigkeit.

Von diesem Standpunkt aus kann eine Vielzahl von Dingen getan werden, wenn sich die Menschheit jetzt aufmacht, eine ökologische Gesellschaft zu schaffen. Angesichts der dem Regime des Monopolkapitals eigenen enormen Verschwendung, die in die innerste Struktur der Produktion eingedrungen ist, muss es möglich sein, Formen der revolutionären Umwelterhaltung zu implementieren, die sowohl das Reich der menschlichen Freiheit vergrößern als auch eine schnelle Anpassung an die Notwendigkeiten ermöglichen, die uns die Krise des planetaren Ökosystems auferlegt hat. Es ist weitaus effizienter und praktikabler, die CO2-Emissionen drastisch zu senken, als eine globalisierte CCS-Infrastruktur aufzubauen, die von ihrer Größenordnung her mit der aktuellen Energieinfrastruktur der Welt konkurrieren oder diese übertreffen würde. Es wäre viel vernünftiger, mit dem schnellen, revolutionären Ausstieg aus den CO2-Emissionen zu beginnen, als zu riskieren, neue Bedrohungen für die Vielfalt des Lebens und der menschlichen Zivilisation durch Geoengineering zu verursachen.

Neue Wege einschlagen

Der ökologische Marxismus bietet in vielfältiger Weise eine Erweiterung der menschlichen Freiheit und Kreativität und ruft die Menschheit als Ganzes auf, ihre Welt auf ökologischen Grundlagen im Einklang mit der Erde selbst wieder aufzubauen. Versprechen einer globalen technologischen Reparatur der Umwelt – die unsinniger wird, wenn man über den Klimawandel hinaus auf die zahlreichen planetarischen Grenzen blickt, die von der kapitalistischen »Bezwingung der Natur« bedroht sind – bedeuten Elitepolitik und Elitenmanagement. Es ist die ultimative Hybris, der letzte Aufruf zur Beherrschung der Natur als Mittel der Klassenherrschaft. Solche promethischen Ansichten zielen darauf ab, die Realität der gegenwärtigen sozialen und ökologischen Krise zu leugnen, nämlich dass revolutionäre Veränderungen in den bestehenden Produktionsverhältnissen unvermeidlich sind. Modernisierung der Produktivkräfte ist nicht genug; wichtiger ist es, die Voraussetzungen für eine nachhaltige menschliche Entwicklung zu schaffen. Aus indigenen und traditionellen Formen der Landarbeit kann viel gelernt werden: Weil sich die menschliche Gesellschaft im Kapitalismus von der Erde entfremdet hat, bieten weniger entfremdete Gesellschaften entscheidende Einblicke in die Praxis einer nachhaltigeren Existenz.

Kritiker sowohl von links als auch rechts könnten antworten, dass es für eine ökologische Revolution »zu spät« ist. Die Antwort darauf lautet, wie Magdoff und Williams eloquent darlegen: »Zu spät für was? Für eine bessere Welt zu kämpfen heißt, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, und daran zu arbeiten, sie umzugestalten. Obwohl die ökologischen und politischen Bedingungen und Trends in vielerlei Hinsicht ziemlich desolat sind, sind wir nicht dazu verurteilt, die Umwelt oder unsere gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zu verschlechtern. (…) Ein gewisses Maß an globaler Erwärmung wird sich fortsetzen, ungeachtet dessen, was wir gegen all ihre negativen Nebenwirkungen tun. (…) Wir können jedoch die Talfahrt zu einer noch stärker zerstörten Erde stoppen, die an Arten und der Gesundheit der verbleibenden Arten ärmer wird. Wir können die enorme Menge an verfügbaren menschlichen und materiellen Ressourcen verwenden, um die Wirtschaft zum Nutzen aller Menschen neu auszurichten. Eine ökologische Gesellschaft wird es uns erlauben, all das zu tun, was derzeit nicht möglich ist, und was der Kapitalismus nie erreichen konnte: allen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihr volles Potential zu entfalten.«⁵

Aber um diese Dinge zu erreichen, müssen wir mit dem »Business as usual«, also mit der gegenwärtigen Logik des Kapitals, brechen und eine völlig andere Logik einführen, die auf die Schaffung eines grundlegend anderen »sozialen metabolischen Systems der Reproduktion« abzielt. Jahrhunderte der Entfremdung von Natur und menschlicher Arbeit zu überwinden, einschließlich der Behandlung der globalen Umwelt und der meisten Menschen – gespalten durch Klasse, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit – als bloße Objekte der Beherrschung, Enteignung und Ausbeutung, erfordern nichts weniger als eine lange ökologische Revolution, die notwendigerweise Siege, Niederlagen und immer wieder neue Anstrengungen beinhalten wird, die sich über Jahrhunderte hinziehen. Es ist jedoch ein revolutionärer Kampf, der jetzt mit einer weltweiten Bewegung hin zum Ökosozialismus beginnen muss – einer, der von Anfang an in der Lage ist, dem Kapital Grenzen zu setzen. Diese Revolte wird unweigerlich ihren Hauptantrieb in einem »ökologischen Proletariat« finden, das aus der Gleichzeitigkeit von ökonomischen wie ökologischen Krisen und dem kollektiven Widerstand der arbeitenden Gemeinschaften und Kulturen hervorgeht – eine neu entstehende Realität, die sich gerade im globalen Süden abzeichnet.

In der langen ökologischen Revolution vor uns wird die Welt notwendigerweise von einem irdischen Kampf zum nächsten schreiten. Wenn das Aufkommen des Anthropozäns uns etwas lehrt, dann dies, dass die Menschheit durch engstirniges Streben nach ökonomischem Gewinn, der nur Wenigen zugutekommt, in der Lage ist, die biogeochemischen Kreisläufe des Planeten auf verhängnisvolle Weise zu stören. Es ist daher an der Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen: einen Weg der nachhaltigen menschlichen Entwicklung. Dies ist der ganze Sinn der Revolution in unserer Zeit.

Anmerkungen

1 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW 20, S. 106

2 Fred Magdoff und Chris Williams: Creating an Ecological Society, New York 2017, S. 247

3 Die CCS (Carbon Capture and Storage)-Technologie will CO2 unterirdisch lagern, um eine weitere Belastung der Atmosphäre zu vermeiden.

4 Paul A. Baran: The Longer View, New York 1969, S. 30

5 Magdoff, Williams, a. a. O., S. 309 f.

 

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/333200.mensch-im-anthropoz%C3%A4n.html