Die Polizei twittert sich zum politischen Spielmacher

Deutsche Polizeibehörden nutzen soziale Medien zur Stimmungsmache

“»Wir stellen ca. 1.000 vermummte Personen im Aufzug fest«, twitterte Hamburgs Polizei am Abend des 6. Juli 2017 und schob kurz darauf nach, Beamte seien »mit Latten und Flaschen angegriffen worden«. Mit solchen Tweets auf dem Kurznachrichtendienst versuchte die Polizei die Zerschlagung der »Welcome to Hell«-Demonstration gegen den G-20-Gipfel zu rechtfertigen. Dass die Meldungen falsch waren, wussten alle, die dabei waren. Von 1.000 Vermummten konnte keine Rede sein, und die Polizei hatte die Eskalation mit einem Angriff auf die Demospitze selbst ausgelöst.

Die manipulierenden Tweets der Polizei bei G-20 sind nur ein Beispiel, wenn auch ein krasses, für ein Problem, das durch ein neues Kommunikationsverhalten der Ordnungshüter entstanden ist. Seit 2015 sei Twitter zu einem »unverzichtbaren Werkzeug der deutschen Polizeien« geworden, heißt es in einem Beitrag auf netzpolitik.org vom Montag. In den »sozialen Medien« erfände sich die Polizei »gerade ein Stück weit neu«, schreibt das Portal, das die digitale Behördenarbeit gemeinsam mit dem Medienwissenschaftler Luca Hammer unter die Lupe genommen hat.

Die Analyse zeige, dass die Polizei gelernt habe, »breitenwirksam zu kommunizieren und dabei mehr oder weniger subtil Emotionen und Stilmittel des Internets einzusetzen«. Man habe sich eine »von Lokalzeitungen und Presseportalen unabhängige Plattform« geschaffen. »Wo früher spröder Amts­charme herrschte, twittern die Beamten nun lässige Sprüche, begleiten Demonstrationen mit Social-Media-Teams in Echtzeit und warnen partywütige Jugendliche vor zu viel Radau«, so netzpolitik.org. Das sei eine »problematische Gratwanderung«, denn die Polizei werde zum »politischen Player«. Das zeige sich auch darin, dass sie immer wieder andere Twitter-Nutzer blockiere und ihnen dadurch den Zugang zu ihren Meldungen verwehre, wie beim G-20-Gipfel.

Einen der ersten großen Auftritte der Polizei bei Twitter gab es im März 2015 bei den Protesten gegen die Einweihung der neuen Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Mit »lockeren Sprüchen und bunten Bildern« habe die Frankfurter Polizei in kurzer Zeit rund 7.000 Follower und »an Deutungshoheit« gewonnen. Heute werde von mehr als 300 polizeilichen Kanälen in »sozialen Netzwerken« ausgegangen, mehr als 100 Polizeibehörden seien rund um die Uhr bei Twitter aktiv. Viele Tweets würden von Medien ungeprüft übernommen.

Netzpolitik.org und Luca Hammer haben 97 Twitter-Accounts von Länderpolizeien und Bundespolizei ausgewertet und die erfolgreichsten ermittelt. Knapp die Hälfte der Top-Tweets habe mit Amokläufen und Terrorismus zu tun, am meisten Verbreitung fanden die zum Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 und zum Amoklauf in München im Juli 2016. Erfolgreich sei die Polizei auch mit emotionalen Tweets – wenn sie etwa melde, dass ein bei einem Laternenumzug verlorenes Kind gefunden wurde, oder ein Foto von einem auf einer Polizeimütze sitzenden Eichhörnchen verschicke.

So harmlos solche Tweets daherkommen, sehen die Experten von Netzpolitik.org eine große Gefahr in der digitalen Strategie der Polizei. Sie zitieren den Polizeiforscher Peter Ullrich von der Technischen Universität (TU) Berlin mit dem Satz: »Wenn die Polizei diese Deutungsmacht, diese Definitionsmacht, über die sie verfügt, auch in die sozialen Medien trägt, ist das wie eine Art Machtverstärker für sie, um Stimmung zu machen, um vorschnell eigenes Handeln schönzureden, Kritik die Luft aus den Segeln zu nehmen.«”

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/328671.erst-kn%C3%BCppeln-dann-twittern.html