Das deutsche Wirtschaftswunder und die Mont-Pelerin-Gesellschaft (MPS)

“Hitler-Deutschland lag in Schutt und Asche. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war geprägt von Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit. In dieser Zeit wurde ein Mann zur Symbolfigur für das Wirtschaftswunder in der noch jungen Republik. Ludwig Erhard (link is external) (CDU) war Wirtschaftsfachmann und blickte auf eine hervorragende Ausbildung in diesem Bereich zurück. Durch sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Frankfurter Universität promovierte er unter Franz Oppenheimer (link is external) und bekam den Doktortitel.

Zur damaligen Zeit war Erhard besonders von den Wirtschaftstheorien Walter Eucken (link is external) angetan und kam somit zum ersten Mal mit dem gedanklichen Gut der bis dato noch nicht gegründeten Mont Pèlerin Society (MPS (link is external)) in Berührung. Ebenso wie seine späteren Berater Wilhelm Röpke (link is external), Leonhard Miksch (link is external) und Alfred Müller-Armack (link is external), die er alle in der MPS wieder treffen würde.

Nach der Bundestagswahl 1949 wurde er von Bundeskanzler Konrad Adenauer in die Position des Wirtschaftsministers beordert. Zu der Zeit war Erhard ebenso wie seine damaligen Brüder im Geiste Miksch und Müller-Armack Mitglied bei der MPS [1] geworden, nachdem diese von Eucken und Röpke 1947 in der Schweiz unter der Führung vn Friedrich August von Hayek (link is external) und Milton Friedman (link is external) mitgegründet wurde. Aufgrund der weit verbreiteten Skepsis in der deutschen Bevölkerung gegenüber dem neuen Wirtschaftsmodell der sozialen Marktwirtschaft, suchte man in den Arbeitgeberverbänden nach Lösungen. Weg von der weitaus viel besser akzeptierten und angewendeten Planwirtschaft (link is external).

Es dauerte keine 3 Jahre bis Ludwig Erhard seine Unterschrift unter ein Schreiben setzte, das an damalige Unternehmer gerichtet war um eine neue Ära in der bis dato immer noch maroden deutschen Wirtschaft einzuläuten. Aus den Reihen des “Bund Katholischer Unternehmer” (BKU (link is external)) wurde Erhards Vorstellung von einer sozialen Marktwirtschaft gezielt als Initiative verbreitet und so verständigte man sich 1952 auf die Gründung des Vereins „Die Waage (link is external)“.

Von Anfang an befanden sich Geschäftsführer und Firmenbesitzer aus den Bereichen Chemie-, Pharma-, Tabak- und Energie in diesem auserwählten Kreis der Unterstützer. So unter anderem Unternehmer und Manager der Firmen BAYER, HOECHST, BASF, weiter über REEMTSMA und BRINKMANN bis zum Generaldirektor der RHEIN-ENERGIE. Lediglich die Unternehmer aus der Bergbau- und Schwerindustrie blieben dieser Initiative fern. Da Erhard durch frühere Zusammenarbeit mit der amerikanischen Besatzungsmacht sich mit dem neuen Prinzip von US-Werbekampagnen auskannte und diese zu nutzen wusste, suchte man für die Verbindung „die Waage“ dementsprechende Fachleute.

In der Person von Elisabeth Noelle-Neumann (link is external) fand man genau die richtige Person, die durch Meinungsumfragen Daten zusammentragen und auswerten konnte. Sie gründete 1947 mit ihrem Ehemann das “Institut für Demoskopie in Allensbach” (IfD Allensbach (link is external)), und führte dieses Institut bis zu ihrem Tod 2010. Durch diese Zusammenarbeit erschuf man eine bis heute unvergleichbar angelegte Werbekampagne für das Model der sozialen Marktwirtschaft, die ganze 13 Jahre lang, von 1952 bis 1965, durch den Verein „die Waage“ andauerte. Sie gilt bis heute zur größten und längsten politischen Kampagne in Deutschland.

Unter anderem bediente man sich bei diesen Kampagnen durch Kurzfilme, die in Kinos und Fernsehen ausgestrahlt wurden. Die Frankfurter Werbeagentur „Gesellschaft für Gemeinschaftswerbung“ (GfG) wurde beauftragt, mit Handzeichnungen von Vicco von Bülow (Loriot (link is external)) und textlich in Reimform durch Eugen Roth (link is external) verfasst und gesprochene Filme zu produzieren. Dabei zielte man in einem Belehrungsstil auf das Publikum ab, das fast indoktriniert immer wieder die gleichen Wortspiele und Aussagen zu hören und zu sehen bekam.

“So ist der Mensch, wie man hier sieht, stets selber seines Glückes Schmied. Anstatt mit leerer Hand zu trollen, schöpft er nun aus dem Vollen. Schafft was er will, aus eigener Kraft, in der sozialen Marktwirtschaft“. [2] Die Botschaft der Filme lautete immer in etwa: Konzentriere dich auf die Schule (Bildung), wähle danach den Beruf, den du möchtest, der ist am Anfang vielleicht nicht gut bezahlt, aber mit Fortbildungen, Sparsamkeit und Bodenständigkeit schaffst du es letztlich, wohin du nur willst. Fernhalten hingegen sollte man sich vom Glücksspiel und jeglicher Form von „Organisation“.

Dieses gebetsmühlenartige Mantra der Industrie wurde rauf und runter gespielt, bis die deutsche Bevölkerung überzeugt davon war, das diese neue Wirtschaftsform Sinn machen würde. Der Grundstein für das deutsche Wirtschaftswunder war gelegt und nahm seinen Lauf, während man gleichzeitig gegen Gegner wie die SPD und den DGB schoss. Nebenbei gründete sich 1953 durch das damalige MPS-Mitglied Alexander Rüstow (link is external), der ein weitaus größerer liberaler Anhänger der Lehren Hayeks war als Erhard, die “Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft” (ASM (link is external)). Somit bekam die von „die Waage“ verbreitete Kampagne noch weiteren Rückenwind, wobei die ursprüngliche Intention der ASM nur darin lag, den Wahlkampf zur Bundestagswahl 1953 und 1957 von Erhard zu unterstützen. Den Umstand nahm man natürlich gerne mit und baute die Propaganda der sozialen Marktwirtschaft weiter aus.

Die anfänglichen Erfolge gaben Erhard ja auch augenscheinlich Recht. Die Arbeitslosigkeit sank, ebenso wie die Armut, Häuser wurden gebaut, die Wirtschaft boomte, was aber zur damaligen Zeit auch nicht verwunderlich gewesen ist, da Deutschland wieder aufgebaut werden musste und es somit jede Menge Möglichkeiten von Beschäftigung gab. Die Durchsetzung der sozialen Marktwirtschaft brachte als Nebeneffekt Reformen mit sich, die in den Augen Erhards alles andere als vorteilhaft gewesen sind. Zwischen Adenauer und Erhard kam es immer mehr zum offenem Streit, weil Erhard unter anderem das Umlageverfahren der Rente für absolut falsch hielt und dies auch so oft er konnte in der Öffentlichkeit äußerte.

Nachdem Adenauer 1963 wegen der „Spiegel-Affäre (link is external)“ zurücktrat, wurde der „Macher“ Erhard zum Bundeskanzler gewählt. Ab da ging es mit der politischen Karriere Erhards steil nach unten. Die Rezession von 1965/66 und die damaligen von US-Präsident Lyndon B. Johnson (link is external) eingeforderten Besatzungskosten gegenüber Deutschland, führten die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Krise, mit stark ansteigenden Arbeitslosenzahlen. Aufgrund der Situation musste die CDU bei den Landtagswahlen herbe Verluste hinnehmen, und dies sorgte letzten Endes dafür, das selbst die Bundestagsfraktion der Union sich gegen Erhard und für Kurt Georg Kiesinger (link is external) entschied. Im Dezember 1966 trat Ludwig Erhard dann als Bundeskanzler zurück.

Durch die steigenden Belastungen der Sozialkassen sah man sich von Seiten der Politik, Industrie und Wirtschaft gezwungen, liberalere Wege einzuschlagen. Um diese Idee umzusetzen, musste erneut eine Kampagne her. Dies geschah unter anderem mit dem Grundsatz- und Aktionsprogramm der BKU [3] im Jahr 1971, indem man sich zur Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft äußerte und verfolgte. Die BKU beteiligte sich auch 1976 während der diktatorischen Führung unter Augusto Pinochet (link is external) in Chile an Seminaren und Weiterbildungen im Sinne der sozialen Marktwirtschaft mit Unterstützung der “Konrad-Adenauer-Stiftung” (KAS (link is external)) [4], die man als Erfolgsmodell nach Südamerika exportiert hatte. Die ASM wurde das inoffizielle Sprachrohr der Wirtschaft und erweiterte seinen Einfluss über den “Bundesverband der deutschen Industrie” (BDI (link is external)) bis in die heutige Zeit.

Das Konzept solcher Kampagnen wie die „der Waage“, hatte sich bewährt und durch die Verflechtungen unter den einzelnen Interessenverbänden und Vereinen wurde auf diesen Erkenntnissen und Basis „der Waage“, die man in diesem Sinne als Vorreiter-Organisation betrachten kann, im Jahr 1999 die berolino.pr GmbH gegründet, die die Reform „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM (link is external)) ins Leben rief. Alleingesellschafterin der berolino.pr/INSM GmbH ist das “Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.” (IW (link is external)) [5]. Eine neue Kampagne, mit fast den gleichen Vertretern aus Erhards Zeiten.

Neben dem Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie fanden sich Vertreter der BKU, des ASM als auch der früheren „die Waage“ und MPS-Mitgliedern wie Randolf Rodenstock (link is external), Karl-Heinz Paqué (link is external) (FDP), Joachim Starbatty (link is external) (ASM) oder Gerhard Fels (link is external) (IW) in dieser Kampagne wieder, mit dem Ziel, einen neuen Vertreter dieser neoliberalen Wirtschaftsform auf dem Kanzlerstuhl zu beraten und zu beeinflussen – Gerhard Schröder (link is external) (SPD).

Als Zusammenschluss für eine weitere Wirtschaftskampagne wurde 2008 die Jenaer Allianz (link is external) gegründet. Und auch hier ergibt sich wieder das gleiche Bild. Darin befinden sich ebenso Vertreter aus BKU, ASM und INSM wieder, unterstützt und in Zusammenarbeit mit Vertretern der Wilhelm-Röpke-Stiftung, der Ludwig-Erhard-Stiftung, der “Konrad-Adenaur-Stiftung”, der “Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft e.V.” und dem “Institut für Wirtschaftspolitik” der Leipziger Universität. Wieder eine Wirtschaftskampagne, dieses Mal für die Einflussnahme auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Und bei allen Kampagnen ist ein Verhältnis gleich geblieben. Von 1952 bis heute beziehen diese Kampagnen, wer hätte es gedacht, immer noch demoskopische Daten und Umfragewerte vom “Institut für Demoskopie Allensbach”.

Quelle: http://www.kritisches-netzwerk.de/forum/das-deutsche-wirtschaftswunder-und-die-mont-pelerin-gesellschaft-mps