Sekundärpsychopathen und psychopathische Alpha-Männchen

Weiteres Wirtschaftswachstum wird in den nächsten Jahren vielleicht noch zu mehr Wohlstand führen, längerfristig aber nur zu mehr Müll, mehr Hunger, mehr Tornados, mehr Dürrekatastrophen und mehr Überschwemmungen. “Warum die Sache schiefgeht”, Karen Duves furioser Essay über eine Menschheit, die dabei ist, sich selbst abzuschaffen.

„Mit unserer gegenwärtigen Wirtschaftsweise und dem entsprechenden Konsumverhalten richten wir die Welt zu Grunde – davon ist die Autorin Karen Duve überzeugt. In ihrem Essay “Warum die Sache schiefgeht” liefert sie zahlreiche Belege für ihre These. Hoffnung macht sie keine.

“Ich habe mir die Fälle ausgesucht, wo es besonders brisant und besonders heikel ist, auch, was aktuell war, deshalb ist die Finanzwirtschaft dabei, und wo es auch extrem gut zu sehen ist. Es gibt sicher andere Bereiche, in denen es ähnlich funktioniert, aber wo es nicht gleich so klar zu sehen ist.”

So erläutert Karen Duve die Auswahl der Beispiele, anhand derer sie ihre These begründet: Finanzwirtschaft, Atomwirtschaft, Hightech-Medizin, Agrarindustrie. Die nicht gerade originelle These lautet: Die gegenwärtige Wirtschaftsweise und das entsprechende Konsumverhalten zehren an der Zukunft, die Menschheit ist sehenden Auges dabei, die Grundlagen ihrer Existenz zu vernichten. Doch entgegen der seit Jahrzehnten hinlänglich bekannten Warnungen ändere sich nichts, weil die Menschheit sich, verkürzt gesagt, der Führung psychopathischer Alpha-Männchen anvertraut habe. “Einsatzbereitschaft”, “Risikobereitschaft”, “Selbstvertrauen” und “Durchsetzungsvermögen”, so die ersten vier Kapitelüberschriften, sind demnach die Tugenden, die sich in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik durchgesetzt und von den Prinzipien einer sozialen Verantwortung abgekoppelt haben. Kompromisslosen Eigennutz und Skrupellosigkeit macht Karen Duve als die Kernkompetenzen aus. Echte und “funktionelle” Psychopathen würden durch die Anforderungen an Spitzenkräfte angezogen und hätten ein System geschaffen, in dem sich auch unbescholtene Aufsteiger schnell zu “Sekundärpsychopathen” mausern würden, die in ihrer Hybris jedes, auch jedes nicht mehr kalkulierbare Risiko für das eigene Fortkommen, den eigenen Erfolg eingingen. Doch greifen diese Mechanismen, so Karen Duve, nicht nur aufseiten der Entscheidungsträger, sondern auch dort, wo Gegenwehr sich organisieren könnte.

“Ich glaube, dass es auch in ganz, ganz netten Bereichen immer darauf hinausläuft, dass dann immer Leute dazu stoßen werden, die ganz schnell dann die Führung übernehmen, die durch eine bestimmte Charakterdisposition es schaffen, die anderen zu manipulieren, sich an die Spitze zu setzen und dann das Ganze nach ihren Bedürfnissen und Interessen umzugestalten. Und das ist dann oft der Punkt, wo gerade bei solchen Sachen wie Bürgerinitiativen viele sagen, ach, das habe ich mir anders vorgestellt, jetzt steige ich aus, und zurück bleiben die, die solche Führungscharaktere sind und die, die das gerne mitmachen.”

Es wird in den Führungsschichten entschieden

“Es könnte zum Beispiel auch eine modifizierte Demokratie sein. Im Moment ist es ja so, dass sich da jeder zur Wahl stellen darf, dass da keiner vorher geprüft wird, und das sind natürlich genau die Leute, die sich dahin drängen, die sehr ehrgeizig sind, die gerne Macht mögen, die Einfluss haben wollen. Das sind nicht unbedingt die, die am kompetentesten und geeignetsten sind für diese Posten. Also könnte man auch eine Einschränkung machen, wer sich zur Wahl stellen darf.”

Die Diskussion einer drohenden Öko-Diktatur ist so alt wie die Diskussionen, die der Club of Rome in den 1970er-Jahren begonnen hat und wurde jüngst erst durch den Vorschlag der Grünen für einen Veggieday beflügelt. Doch die Lösung der Probleme liegt weder in einer Basta-Politik noch in einem alles erschlagenden Alarmismus, der Ohnmachtsgefühle auslöst und am Ende lähmt. Ansätze wie genossenschaftliches Wirtschaften, das nur die eigenen Bedürfnisse befriedigt und keinen Mehrwert produzieren, kein Wachstum schaffen muss, schiebt Karen Duve mit leichter Hand beiseite. So debattiert das Kapitel “Sintflut” nicht etwa die Chancen der Allmende, sondern setzt gleich mit der “Tragik der Allmende” ein, dem Totschlagargument, dass der Mensch eben doch auf seinen Vorteil aus ist. So hat Karen Duve mit hohem moralischem Anspruch Buch der Ausweglosigkeit geschrieben, das aufrütteln will, aber keine Optionen eröffnet.

“Das ist ein Weltuntergangsbuch, weil ich das für sehr unwahrscheinlich halte, dass wir es tatsächlich nochmal schaffen, das Ruder nochmal rumzureißen. Es liegt nicht daran, dass jemand zu Hause sitzt und seine Joghurtdeckel auswäscht und in den gelben Sack packt. Damit kriegen wir das nicht wieder hin…“

Quelle und gesamter Text: http://www.deutschlandfunk.de/gesellschaftskritik-das-ruder-wird-nicht-mehr-rumgerissen.700.de.html?dram:article_id=325310