Apokalypse-Wochen: Entwicklungshilfeminister – “Wir führen den Planeten an den Rand der Apokalypse”

„Der Konsum der Industrieländer erfordere Ressourcen von zwei bis drei Planeten, sagte Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) im Interview der Woche im Dlf. Er sprach sich für eine nachhaltige Politik aus. Es dürfen keine neuen Kolonialismus, die Ausbeutung der Ressourcen von Mensch und Natur etwa in Afrika geben.

Capellan: Das Entwicklungsministerium nimmt vor allen Dingen auch junge Leute ins Visier mit Blick auf Afrika. Man rechnet mit einer Verdoppelung der Bevölkerung auf 2,6 Milliarden etwa bis zum Jahr 2050. Und die Hälfte davon ist jünger als 25 Jahre. Wie kann man jungen Menschen in Afrika helfen, ihnen eine Perspektive geben?

Müller: Die große Herausforderung ist in der Tat dieses Bevölkerungswachstum oder -explosion. Und daraus ergeben sich die dramatischen Herausforderungen, nämlich diese Menschen zu ernähren und weitere Themen. Wie schaffen wir den Sprung, Anschluss an Strom, an Energie? 90 Prozent der Haushalte in Afrika leben im Dunklen, mit der Kerze. Und da kann sich wenig entwickeln. Deshalb ist das der zweite Schwerpunkt, aber nicht auf der Basis von Kohle. Wenn Kohle die Basis für die Entwicklung Afrikas, aber auch Indiens wäre, dann wird es auch in Berlin und in Deutschland dunkel. Dann können wir uns das Zwei-Grad-Ziel abschminken, mit allen Folgen und Katastrophen.

Capellan: Und die Amerikaner lassen uns jetzt alleine. Sie sind zuversichtlich, dass man trotzdem am Klimaschutzabkommen wird festhalten können? Erdogan, der türkische Präsident, hat jetzt gedroht, er werde auch aussteigen. Die Gefahr ist groß, dass andere folgen werden. Oder?

Müller: Das Verhalten der Amerikaner hat auch eine Gegenreaktion ausgelöst. Und die Gegenreaktion ist, dass die anderen 19 sich mit voller Klarheit und mit neuer Intensität hinter das Pariser Klimaabkommen gestellt haben. Das ist wichtig – und insbesondere die Chinesen. Und der französische Präsident hat angekündigt, im November einen Gipfel zur Umsetzung des Pariser Klimavertrages abzuhalten. Also, auf der anderen Seite wird Tempo aufgenommen. Und in den USA, muss ich sagen, ist erfreulich, dass viele Bundesstaaten dem Präsidenten an dieser Stelle nicht folgen.

Capellan: Sie suchen die Kooperation mit den Chinesen. Sie haben eine Entwicklungspartnerschaft unterschrieben, auch speziell mit Blick auf Afrika. Was steckt dahinter?

Müller: Wer die Folgen des Klimawandels so förmlich spüren will, der muss nach Peking oder in chinesische Großstädte gehen. Dort fährt man heute 300 Tage im Jahr mit Licht durch die Straßen, weil man keine 50 Meter weit sehen kann. Das ist die Folge des unglaublichen Kohleeinsatzes. Die Chinesen nehmen heute noch alle zwei Wochen ein Kohlekraftwerk in Betrieb. Und, wenn wir China nicht ins Boot bekommen, weg von Kohle, von Öl, hin zu Erneuerbaren Energien, dann haben all unsere Bestrebungen in Europa, dieses Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, kaum Wirkung.

Capellan: Aber welchen Sinn macht eine Entwicklungskooperation mit China in afrikanischen Staaten? Wir wissen alle, wie aggressiv die Chinesen Bodenschätze ausbeuten, wie aggressiv sie auch vorgehen, um Märkte zu erschließen und eigenes Personal vor allen Dingen beschäftigen. Davon haben die afrikanischen Staaten reichlich wenig.

Müller: So, und davon müssen wir sie abbringen. Wir müssen nicht nur in China neue Technologie, Innovation, sondern mit den Chinesen Innovationen nachhaltig umsetzen. Es muss zu einer Kehrtwende der Politik Chinas in Afrika kommen. Beteiligung der Afrikaner, Ausbildung und nachhaltige Innovationen – nicht neuer Kolonialismus, Ausbeutung der Ressourcen von Mensch und Natur…“

Quelle und gesamter Text: http://www.deutschlandfunk.de/entwicklungshilfeminister-gerd-mueller-wir-fuehren-den.868.de.html?dram:article_id=391177