Apokalypse-Wochen: Der Planet schlägt zurück

“Ich verspreche Ihnen, dass es schlimmer ist, als Sie denken. Wenn Ihre Angst vor dem Klimawandel von der Sorge um steigende Meeresspiegel bestimmt wird, kratzen Sie gerade an der Oberfläche dessen, was an schrecklichen Dingen bereits im Leben eines heutigen Teenagers möglich ist. Die ansteigenden Meere – und die Städte, die in ihnen versinken – haben das Bild der Erhitzung der Erde derart geprägt, dass wir andere damit verbundene Bedrohungen gar nicht mehr wahrnehmen. Steigende Meeresspiegel sind schlecht, sogar sehr schlecht, aber es wird nicht damit getan sein, von der Küste wegzuziehen.

Milliarden von Menschen müssten ihren Lebensstil konsequent anpassen, um das Schlimmste zu verhindern. Das aber geschieht nicht. Daher werden wahrscheinlich bereits am Ende dieses Jahrhunderts Teile der Erde unbewohnbar werden.

Selbst wenn wir unsere Augen darauf trainieren, die Folgen des Klimawandels zu sehen, so sind wir doch unfähig, sein Ausmaß in Gänze zu begreifen. Vergangenen Winter gab es eine Reihe von Tagen, an denen es 15 bis 21 Grad Celsius wärmer war als normalerweise. So wurde der Nordpol erwärmt. Das brachte auch den Dauerfrostboden zum Tauen, der den Saatguttresor in Spitzbergen, Norwegen, umschließt. In dem Tresor lagern Samen aus aller Welt. Er trägt den Spitznamen „Weltgericht“ und soll sicherstellen, dass die Landwirtschaft des Planeten jede Katastrophe überleben könnte. Durch das teilweise Auftauen des Frostbodens lief nun Wasser in die Saatlager – nur zehn Jahre nach seiner Einrichtung bedrohte ihn also der Klimawandel.

Dem „Weltgericht“-Tresor geht es inzwischen wieder gut: Die Anlage wurde gesichert, die Samen auch. Der Vorfall wurde als Parabel darauf gewertet, dass es zu Überschwemmungen kommen werde. Dadurch geriet Entscheidendes aus den Augen: Bis vor kurzem stellte der Permafrost keine Hauptsorge der Klimawissenschaftler dar. Der arktische Boden enthält aber 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff – mehr als doppelt so viel, wie sich gegenwärtig in der Erdatmosphäre befindet. Wenn dieser freigesetzt wird, könnte er in Gestalt von Methan verdampfen. Dieses ist als Treibhausgas-Anheizer um ein Vielfaches wirksamer als Kohlendioxid – und zwar 34 Mal so groß.

Vielleicht wissen Sie das bereits. Jeden Tag hört man alarmierende Geschichten. Etwa vor ein paar Monaten, als Satellitendaten belegten, dass die Erde sich seit 1998 doppelt so schnell erhitzt hat, wie die Wissenschaftler gedacht hatten. Oder die Nachrichten aus der Antarktis, als im Mai ein Riss in einem Eisschelf in sechs Tagen um fast 18 Kilometer anwuchs. Inzwischen hat sich das Bruchstück ganz gelöst und verstört die Menschen. Denn die abgebrochene Scholle Larsen C ist 175 Kilometer lang und 50 Kilometer breit. Sie treibt nun als einer der größten Eisberge aller Zeiten im offenen Meer.

Mangel an Vorstellungskraft

Ganz egal, wie gut informiert Sie sind, ausreichend alarmiert sind Sie nicht. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist unsere Kultur mit Zombie-Filmen und Mad-Max-Dystopien immer apokalyptischer geworden. Wenn wir aber die ganz realen Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft. Einer der Gründe dafür ist die zaghafte Sprache wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten. Der Klimatologe James Hansen kritisiert diese „wissenschaftliche Introvertiertheit“. Er findet, dass Wissenschaftler sie ihre eigenen Beobachtungen so penibel und gewissenhaft betreiben, dass sie nicht mehr deutlich machen können, wie groß die Gefahr wirklich ist. Hansen klagt an, dass uns eine Gruppe von Technokraten regiert, die glauben, jedes Problem könne gelöst werden. Hansen zeigt auf die schiere Geschwindigkeit des Klimawandels – und seine gleichzeitige Langsamkeit, da wir immer nur die Auswirkungen sehen, die sich bereits seit Jahrzehnten anbahnen. Unsere Unsicherheit über die Unsicherheit, die uns der Klima-Autorin Naomi Oreskes zufolge davon abhält, uns auf irgendetwas Schlimmeres als einen statistischen Mittelwert vorzubereiten. Die Geringfügigkeit (zwei Grad Celsius), die Größe (1,8 Billionen Tonnen) und die Abstraktheit (400 Teilchen pro eine Million) der Zahlen. Das Unbehagen, über ein Problem nachzudenken, das nur sehr schwer, wenn nicht unmöglich zu lösen ist. Und ganz einfach: die Angst.

Zwischen der Zurückhaltung der Wissenschaftler und den Zuspitzungen der Science-Fiction liegt die Wissenschaft selbst. Dieser Text ist das Ergebnis von Dutzenden Interviews mit Klimatologen und Wissenschaftlern. Er berücksichtigt Hunderte Studien und Aufsätze zum Klimawandel. Was Sie hier lesen, ist – nach bestem Wissen und Gewissen – eine Darstellung, worauf unser Planet zusteuert, wenn wir nicht aggressive gegensteuern. Es ist unwahrscheinlich, dass alle Szenarien vollständig eintreten werden. Vor allem weil die absehbaren Zerstörungen uns aus jeder Bequemlichkeit reißen werden. Dennoch: die Szenarien sind die Zukunft, nicht das heutige Klima. Dabei ist die Gegenwart des Klimawandels erschreckend genug. Die meisten Leute denken, Miami und Bangladesch hätten noch eine Chance. Viele Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe, gehen aber davon aus, dass wir diese Städte noch vor Ende des Jahrhunderts verlieren werden – selbst wenn wir sofort aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen.

Zwei Grad Erhitzung galten bisher als die Grenze der Katastrophe: Das wird Millionen von Klimaflüchtlingen erzeugen, die auf eine unvorbereitete Welt treffen werden. Nun sind zwei Grad dem Pariser Klimaabkommen zufolge unser Ziel, und Experten geben uns nur eine geringe Chance, es überhaupt zu erreichen. Das UN Intergovernmental Panel on Climate Change veröffentlicht dazu regelmäßig Berichte. Der jüngste geht davon aus, dass wir zu Beginn des nächsten Jahrhunderts bereits bei vier Grad angelangt sein werden, wenn wir weitermachen wie bisher. Und selbst das ist nur eine mittlere Schätzung.

Am oberen Ende der Wahrscheinlichkeitskurve liegen acht Grad – und die Autoren wissen noch gar nicht, wie sie mit der Schmelze des Permafrosts umgehen sollen. Der Bericht des IPCC vernachlässigt auch weitere Effekte, die die Erhitzung beschleunigen könnten. Als die Erdtemperatur das letzte Mal um vier Grad anstieg, stiegen die Meeresspiegel um mehrere hundert Fuß.

Der fossile Kapitalismus

Nichts ist einfach in der Klimaforschung, diese Rechnung ist aber besonders erschütternd: Ein fünf Grad wärmerer Planet würde mindestens noch einmal die Hälfte mehr Kriege bedeuten wie heute. Insgesamt würden sich die sozialen Konflikte in diesem Jahrhundert mehr als verdoppeln.

So ziemlich jeder Klimaforscher, mit dem ich gesprochen habe, hat mich darauf hingewiesen, dies sei einer der Gründe dafür, dass das US-Militär vom Klimawandel geradezu besessen sei. Der Untergang aller Stützpunkte der US-Marine durch den Anstieg der Meeresspiegel ist schlimm genug. Hinzu tritt die Gefahr einer unüberschaubaren Menge an Konflikten. Natürlich ist Syrien nicht der einzige Ort, an dem der Klimawandel zur Entstehung eines Konflikts beigetragen hat. Einige spekulieren, in den vermehrten Auseinandersetzungen, zu denen es in den vergangenen Jahrzehnten im Nahen Osten gekommen ist, schlage sich auch der Druck durch die Erderwärmung nieder – diese Vorstellung wird umso grausamer, wenn man bedenkt, dass die Erderwärmung an Fahrt aufnahm, als die industrialisierte Welt begann, das Öl der Region zu fördern und zu verbrennen.

Das zwischen dem Ende des Kalten Kriegs und dem Einsetzen der Großen Rezession vorherrschende Mantra des Neoliberalismus lautete, Wirtschaftswachstum würde uns vor allem schützen. Doch nach dem Crash von 2008 behaupten immer mehr Historiker, die sich mit dem sogenannten fossilen Kapitalismus befassen, die gesamte Geschichte des rasanten wirtschaftlichen Wachstums, das ziemlich plötzlich im 18. Jahrhundert einsetzte, sei nicht das Ergebnis von Innovationen oder Handel oder der Dynamik des globalen Kapitalismus, sondern einfach der Entdeckung fossiler Brennstoffe und deren schierer Macht geschuldet – eine einmalige Injektion neuen Wertes in ein System, das zuvor weltweit von Subsistenzwirtschaft geprägt war. Vor den fossilen Brennstoffen lebte niemand besser als seine Eltern oder Großeltern oder Vorfahren 500 Jahre vorher – eine Ausnahme bildete die Zeit unmittelbar nach großen Pestepidemien, die den glücklichen Überlebenden erlaubten, die Ressourcen zu verbrauchen, die von Massengräbern freigesetzt wurden. Die Forscher meinen, wenn alle fossilen Brennstoffe verbrannt seien, würden wir vielleicht zu einer globalen stationären Ökonomie zurückkehren. Die einmalige Injektion hätte dann allerdings verheerende Langzeitkosten: den Klimawandel.

Die spannendsten Forschungsergebnisse zur Ökonomie der Erderwärmung stammen ebenfalls von Solomon Hsiang und seinen Kollegen. Diese sind zwar keine Historiker des fossilen Kapitalismus, haben aber einige äußert düstere Analysen zu bieten: Jedes Grad Celsius Erderwämung kostet durchschnittlich 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, sagen sie. Ihre mittlere Schätzung liegt bei einem weltweiten Einkommensverlust von 23 Prozent pro Kopf gegen Ende des Jahrhunderts. (Dieser Verlust resultiert aus Veränderungen in der Landwirtschaft, steigender Kriminalität, Stürmen, Energieknappheit und einer erhöhten Sterblichkeit.)

Eine ökonomische Schuld?

Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen Zerstörung lässt sich nur schwer begreifen. Man könnte damit anfangen, dass man sich vorstellt, wie die Welt heute aussähe, wenn die Wirtschaft nur halb so groß wäre, nur halb so viel Wert schaffen und nur die Hälfte dessen hervorbringen würde, was sie den Arbeitern der Welt heute zu bieten hat. Und es lässt die Idee, staatliche Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen zu streichen und sich ausschließlich darauf zu verlassen, dass Wachstum und Technik das Problem schon lösen werden, als absurde Idee erscheinen. Immerhin kostet jedes Hin- und Rückflug-Ticket für Flüge von New York nach London die Arktis weitere drei Quadratmeter Eis.

Aber warum können wir es nicht sehen? In seinem jüngst erschienenen Essay The Great Derangement (Die große Umnachtung) fragt sich der indische Autor Amitav Ghosh, warum Erderwärmung und Naturkatastrophen nicht zu den großen Themen der zeitgenössischen Literatur gehören — warum wir nicht imstande sind, uns die Klimakatastrophe vorzustellen. Und warum es bislang nicht zu einer Flut von Romanen aus jenem Genre gekommen ist, das er sich als „Umweltgrusel“ vorstellt. „Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichten, die sich um Fragen drehen wie: Wo waren Sie, als die Berliner Mauer gefallen ist? Oder: Wo waren Sie am 11. September 2001?“, schreibt Ghosh. „Wird es jemals möglich sein, in gleicher Weise zu fragen: Wo waren Sie bei 400 ppm? Oder: Wo waren Sie, als damals das Larsen-B-Eisschelf auseinanderbrach?“

Wahrscheinlich nicht, lautet Ghoshs Antwort. Denn die Dilemmata und Dramen des Klimawandels seien schlicht unvereinbar mit der Sorte Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen – vor allem in Romanen, in denen eher Entwicklungen eines individuellen Bewusstseins beschrieben werden als der giftige Hauch eines sozialen Schicksals.

Sicher wird diese Blindheit aber nicht von Dauer bleiben – die Welt, die wir bewohnen werden, wird dies nicht zulassen. In einer um sechs Grad wärmeren Welt wird das Ökosystem des Planeten dermaßen überkochen vor Naturkatastrophen, dass wir diese nur noch als „Wetter“ bezeichnen werden: eine permanente Abfolge von unkontrollierbaren Taifunen, Tornados, Überschwemmungen, Dürren. Unser Planet wird regelmäßig von Klima‑Ereignissen heimgesucht werden, die vor nicht allzu langer Zeit ganze Zivilisationen zerstörten. Es wird viel häufiger Hurrikans geben, die so stark sein werden, dass wir neue Kategorien zu ihrer Beschreibung erfinden müssen. Länge und Ausmaße von Tornados werden wachsen, und sie werden viel häufiger auftreten. Auch Hagelkörner werden um ein Vielfaches größer sein.

Viele Leute stellen sich den Klimawandel als eine Art moralische und ökonomische Schuld vor, die sich seit dem Anfang der industriellen Revolution angesammelt hat und nun nach mehreren Jahrhunderten fällig wird – diese Perspektive ist auf eine Art hilfreich, sind es doch die Kohlenstoffverbrennungsprozesse, die im England des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, die die Lunte für alles Spätere gelegt haben.

von David Wallace-Wells, Redakteur des New York Magazine. 

Quelle und gesamter Text: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-planet-schlaegt-zurueck