Precht: über Wirrköpfe an der Macht und den systemstabilisierenden Trump

Das ist der erste Teil des Interviews mit Richard David Precht. DAS MILIEU sprach mit dem Philosophen und Publizisten über den Nutzen der Philosophie, das Problem der Filterblasen und das Phänomen Trump.

MILIEU: Blicken wir in die USA. Dort sitzt jemand im Weißen Haus, den man als unglückliches Resultat einer Mediendemokratie bezeichnen könnte. Der Showmaster Trump bliebt stets Herr seiner Vermarktung und tat alles, um in den Köpfen des Volkes stattzufinden. Haben Sie Sorge, dass sich diese Methode in der Politik auch bei uns durchsetzen könnte?

Precht: Ich glaube, dass es nichts mit den Methoden zu tun hat. Dass Idioten, Wirrköpfe und Narzissten an die Macht kommen, zieht sich durch die gesamte europäische Geschichte. Auch ein Verbrecher wie Hitler brauchte keine sozialen Netzwerke, um an seine Position zu kommen. Die Methoden waren relativ die gleichen. Heute haben die Bösen die gewaltigen Verführungsapparate, aber die Guten auch. Früher mussten beide Seiten pausenlos umherziehen und auf Marktplätzen ihre Demagogie ausüben. Nixon war ein totaler Verbrecher, der intelligenter als Trump war, aber, dass so ein Mann Präsident werden konnte, war genauso schlimm. Ronald Reagen war intellektuell gesehen eine hundertprozentige Fehlbesetzung, George W. Bush auch. Um an Macht zu kommen, brauchten sie keine sozialen Netzwerke. Die sozialen Netzwerke geben diesen Menschen die Möglichkeit, sich stärker auszustrahlen, aber eben auch den anderen. Ich glaube nicht, dass Trump das Produkt einer modernen Medienkultur ist. Er wäre auch ohne das Internet an die Macht gekommen. Das Fernsehen hätte schon gereicht.

MILIEU: In unser Kolumne „Illuminationen“ hat unser Autor die These aufgeworfen, dass Trump eine systemstabilisierende Funktion hat und das dem System nichts Besseres als Trump hätte passieren können. Diejenigen, die vor einem Jahr noch das Establishment waren, stehen heute für den Widerstand, präsentieren sich als Revolutionäre und Erretter der Demokratie.

Precht: Spannend. Das ist eine sehr interessante These. Trump hat sich als Rebell gegen das Establishment verkauft und ist der Mann des Wirtschaftsestablishments, der Konservativen, der Rüstungsindustrie usw. Schon diese Rolle hat also nicht zu ihm gepasst. Und auf einmal können die Verwaltungsdemokraten als moralisch Entrüstete auf die Barrikaden gehen. In der Tat, sehr interessant. Auch Macron ist in seinem moralischen Impetus nur deswegen möglich geworden. Obwohl er jetzt absolut keine rebellische Politik macht, konnte er trotzdem den Rebellen gegen die nationalistische Bewegung geben. Plötzlich wird, inhaltlich gesehen, aus einem Mann der Mitte ein Robin Hood. Es ist die heroische Rolle, in der sich Menschen wiederfinden, an denen eigentlich nichts heroisch ist. Ihr Autor hat da eine sehr interessante Beobachtung gemacht. Ich kann ihm da nur zustimmen.

MILIEU: Das erinnert an das alte Prinzip von „Ordnung aus dem Chaos“. Also Trump sorgt kräftig für Chaos und dann kommen die alten Establishment-Politiker, um für Recht und Ordnung zu sorgen…

Precht: Das mag sehr gut sein. Man darf dabei nicht vergessen, dass Trump größtenteils ein klassischer Vertreter der republikanischen Politik ist. Das äußert sich nicht in seinen Manieren, nicht in seiner Art und Weise, wie er an dieses Amt gekommen ist: aber wessen Politik macht er? Es gibt breite Teile der amerikanischen Industrie, die ein handfestes Interesse an Trumps Kurs haben. Die Rüstungsindustrie ist nur eine von den vielen Industriezweigen, für die das gilt. Die Rebellenrolle trifft gar nicht die Realität. Es war nicht der Außenseiter gegen das Establishment, sondern es war eine Form des Establishments gegen eine andere.

Quelle und gesamter Text: http://www.dasmili.eu/art/richard-david-precht-ich-wuerde-gerne-bei-einer-pegida-demo-auftreten/