Psycho-Wochen: Rechtsruck – Psychosoziale Ursachen

Keine destruktive Gesellschaft ohne destruktive Menschen!

“… An dem, was viele als „ganz normale Erziehung“ bezeichnen dürften. Kinder sind in keiner Weise weniger wert als Erwachsene, haben aber im Vergleich zu Letzteren kaum Möglichkeiten, über ihre Lebensumstände selbst zu bestimmen. In einer Welt, die hochgradig von neurotisierten Erwachsenen gestaltet wird, ist daher für die Entfaltung gesunder Kinder wenig Platz. Autoritär strukturierte Erzieherinnen und Erzieher suchen zumal immer wen, der weit genug „unten“ ist, um gefahrlos „getreten“ werden zu können. Kinder sind so gesehen immer „unten“. Die sich daraus für sie ergebenden Leiden und Entbehrungen, ihre vielfach unzureichend befriedigten Bedürfnisse verursachen Trauer, Schmerz und Wut – die in aller Regel gegenüber den Erziehungspersonen nicht adäquat zum Ausdruck gebracht werden dürfen. Sie stauen sich daher an, bis sie destruktive Ausmaße annehmen: Das von Reich „mittlere Charakterschicht“ genannte Phänomen mit seinen sadistischen Impulsen entsteht – und wird in auf Ausbeutung beruhenden Wirtschaftssystemen später durch Erniedrigungen in der Arbeitssphäre verstärkt.

Da auch solcherart angestaute Gefühle offiziell zumeist nicht ausgelebt werden dürfen, werden sie verborgen hinter einer Fassade sozialer Angepasstheit, Höflichkeit und Nettigkeit. So pflanzt sich auch in der nächsten Generation der von Reich beschriebene, nach oben buckelnde, nach unten tretende autoritäre Charakter fort. Und diese Art seelischer Gestörtheit hat im Gegensatz zum meisten, was als „neurotisch“ in medizinischen Diagnoseverzeichnissen auftaucht, von Platzangst bis depressiver Episode, höchst bedenkliche Konsequenzen für das gesamte Sozialgefüge. Nicht zuletzt, weil die destruktiven Emotionen bei gegebenem Anlass jederzeit aus ihrem Versteck hervorbrechen können – dies umso leichter, wenn als Zielobjekte dafür sozial Schwächere zur Verfügung stehen.

Mit diesem Menschenbild ist auch der grundsätzliche Mechanismus skizziert, wie laut Reich gesunde Kinder neurotisiert und zu psychosozialen Zeitbomben gemacht werden – und damit auch zu potentiellen Rechtsextremisten. Denn je destruktiver Menschen werden, desto verwendbarer sind sie für destruktive Zwecke, ob diese nun mit nationalistischen, neofaschistischen, fundamentalistischen, imperialistischen, umweltzerstörerischen, kinder-, frauen-, homosexuellen- oder ausländerfeindlichen Ideologien verbrämt werden. Wird der explosiven Wut ein Ventil geboten, sind die Gesinnungen austauschbar: Terror und Mord lassen sich ebenso mit dem Alibi „rechter“ wie „linker“ Weltanschauung verüben, zur Ehre Gottes, zum Heile Allahs, zugunsten einer Öko-Diktatur oder als Bestandteil westlicher neoliberaler Weltbeglückung.

Dies Grundannahme stand auch dahinter, als Reich schrieb, seit Entstehung des Patriarchats werde die Gesellschaft geprägt durch jene, den „Kern“ überlagernde, destruktive Charakterschicht. Auch die „schändlichen Exzesse der kapitalistischen Ära der letzten 300 Jahre (Raub-Imperialismus, Rechtlosigkeit der Werktätigen, Rassenunterdrückung etc.)“ wären „nicht möglich gewesen ohne die autoritätssüchtige, freiheitsunfähige, mystische Struktur der Millionenmassen, die dies alles erduldet haben“.(3) Diese Struktur „schafft die faschistischen Parteien und nicht umgekehrt“.(4)

Hätten die Bürgerinnen und Bürger des wilhelminischen Deutschlands und der Weimarer Republik also bei ihrer Geburt Bedingungen vorgefunden, die ihnen erlaubten, ihr gesundes Potential ungehindert zu entfalten, wäre es nicht zum Nationalsozialismus gekommen. Erst die autoritäre, gefühls- und sexualitätsunterdrückende Sozialisation machte aus psychisch vergleichsweise noch recht gesunden Säuglingen zahme Untertanen, Rassisten und zerstörungswillige Fanatiker.

Beantwortet das schon die Frage, wie es zu Entstehung und Erfolg des Nationalsozialismus kam? Nein.

Gerade weil diese Art von Sozialisation so alt ist wie das Patriarchat und die letzten Jahrtausende nicht durchweg faschistoide Staatssysteme hervorbrachten, genügt sie nicht als Begründung für deren Zustandekommen. Diese Sozialisation allein macht noch keinen Faschismus, jeder monokausale Erklärungsversuch schlägt auch hier fehl.

Das, was vor 1933 alles hinzukam, lässt sich in diversen geschichts- und sozialwissenschaftlichen Büchern nachlesen. Um nur einige dieser Faktoren zu benennen: Chauvinismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Antikommunismus, das imperiale Streben Deutschlands, Grundwidersprüche des Kapitalismus, die Ergebnisse des ersten Weltkrieges, Wirtschaftskrisen, Inflation und das Versagen „linker“ und demokratischer Kräfte.

Nichts davon hätte jedoch zum Faschismus geführt, wenn dafür nicht auch die psychosoziale Grundlage in Form massenhafter destruktiver Charakterstrukturen vorhanden gewesen wäre. Autoritär-gefühlsunterdrückende Sozialisation ist also zwar keine hinreichende Bedingung für faschistische Entartungen, aber eine notwendige Voraussetzung dafür.

Wir haben es hier daher mit der vermutlich wichtigsten Bedingung für das Zustandekommen faschistoider, destruktiver sozialer Systeme zu tun. Könnten wir dafür sorgen, dass diese Art von Sozialisation nicht mehr stattfindet, gäbe es auch diese Systeme nicht mehr. Psychisch gesunde Menschen wollen und ertragen keine Unterdrückung, erst recht nicht, wenn sie so brutal ausgeübt wird wie im Faschismus. Kein destruktives soziales System ohne destruktive Menschen!

Die aktuellen „Rechts“-Trends in Deutschland, Europa und wohl auch in den USA lassen sich meines Erachtens auf folgenden Nenner bringen: Der immer aggressiver agierende neoliberale Kapitalismus reißt die ohnehin dünnen Wände ein, hinter denen das nie verstandene geschweige denn ausgeheilte massenhafte Destruktionspotential lauerte.(5) Für Deutschland will ich versuchen, diese Entwicklung mit ihrem geschichtlichen Hintergrund zu verknüpfen.

Die seelischen Deformationen, die Faschismus und Krieg hinterließen, wurden nach 1945 niemals wirklich aufgearbeitet, die alten charakterlichen Prägungen in Ost wie West nur abgeschwächt weitergegeben. Auch das Ende des „realen Sozialismus“ führte nicht dazu, die Vergangenheitsaufarbeitung nachzuholen. Im Gegenteil: Unter der einseitigen Verteufelung der DDR und der ebenso einseitigen Idealisierung der BRD(6) versank die Realität noch tiefer.
Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems dürfte das weitgehend in der Ost-West-Systemkonfrontation gebundene Destruktionspotential durch eine damals noch glaubwürdiger erscheinende westliche Demokratie, durch den relativ hohen, für viele relativ sicher zu erlangenden Wohlstand und durch Hoffnungen auf positive Entwicklungen am Ausbruch gehindert worden sein.

Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht. Seit 1990 nahm die Kriegsgefahr nicht ab sondern zu. Kriege fanden und finden inzwischen sogar „vor der Haustür“ statt. Der Wohlstand war, wie sich erwies, nur ein Pflaster auf einer weiter schwärenden Wunde. Armut und Existenzunsicherheit der Massen stiegen zusammen mit den Profiten und der Arroganz der Reichen und Mächtigen. Dass Letztere tatsächlich weitgehend darüber entscheiden, in welchem Umfang es in der Bundesrepublik demokratisch zugehen darf, wurde überdeutlich. So protestierten 2014 breite Bevölkerungskreise vergeblich dagegen, dass Russland einmal mehr zur Zielscheibe deutscher Kriegshetze wurde.(7) Seit 2016 ziehen die Regierenden sämtliche Register, um die demokratie-, ökologie- und gesundheitsfeindlichen Wirtschaftsabkommen CETA und TTIP gegen den erklärten Willen der Volksmehrheit(8) durchzudrücken. Seit 2015 lässt sich die Schuld für die durch all das ausgelösten Negativtrends auf Flüchtlinge projizieren. So kam es zur erneuten Konjunktur „rechter“ Ideologien….”

von Andreas Peglau

Quelle und gesamter Text: https://www.rubikon.news/artikel/rechtsruck-in-deutschland-5-6

Redaktioneller Hinweis:

Vor einem Wiedererstarken des Faschismus hat bereits Bertolt Brecht gewarnt: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Aber was ist dieser „Schoß“?

Die bemerkenswerten Antworten, die der „linke“ Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897-1957) auf diese Frage gab, werden bis heute fast durchgängig ignoriert, auch in Politik, Faschismus- und Rechtsextremismusforschung. Das ist bitter, weil Reich es anders verdient hätte. Wichtiger ist jedoch: Ohne diese Antworten endlich ebenfalls zu berücksichtigen, dürfte es weder eine Chance geben, die internationale „braune Renaissance“ zu verstehen noch ihr wirkungsvoll entgegenzutreten.

Das im Juli 2017 erschienene neue Buch des Psychologen und Psychotherapeuten Andreas Peglau verbindet knappe biografische Informationen zu Reich und zu seiner 1933 erschienenen „Massenpsychologie des Faschismus“ mit Antworten auf Fragen wie

  • Was war bzw. ist die wichtigste psychosoziale Basis politischer „Rechts“-Entwicklungen – früher und heute?
  • Welche Auswirkungen hat autoritär-entfremdende Sozialisierung für das Zustandekommen von Destruktion, Rassismus und Krieg?
  • Welche Rolle spielen psychische Faktoren für das Aufrechterhalten patriarchalisch-kapitalistisch-neoliberaler Systeme und für das mögliche Revolutionieren dieser Systeme?
  • Welche Menschen- und Weltbilder können uns als Voraussetzung zum konstruktiven Handeln dienen?