Psycho-Wochen: Psychopathen in Nadelstreifen

Das Phänomen der “Psychopathen in Nadelstreifen” hat sich mittlerweile herumgesprochen: Es sind Menschen mit psychopathischen Charakterzügen, die erfolgreich sind, in leitenden Positionen in Unternehmen arbeiten – sie agieren allerdings hochgradig egoistisch, skrupellos, manipulativ und empathielos. Einer Studie der Technischen Universität Kaiserslautern sind sie auch besonders geneigt, wirtschaftskriminellem Handeln zuzustimmen. Doch wie können sich Unternehmen vor Psychopathen schützen?

Unternehmenspsychopathen sind gefährlich für die Wirtschaft

Etwa ein Prozent der Menschen gelten als Psychopathen. Besonders viele von ihnen landen im Management: Auf sechs Prozent schätzt der kanadische Psychologie-Professor Robert D. Hare ihren Anteil in der Wirtschaftsführung. Kein Wunder, denn dort finden sie vieles von dem, was sie wollen: Erfolg, Anerkennung und Macht.

Für Professor Volker Lingnau und sein Team vom Lehrstuhl für Unternehmensrechnung und Controlling an der TU Kaiserslautern sind diese Menschen besonders spannend, sagt er: “Diese interessieren uns besonders, da wir annehmen, dass sie Unternehmen nachhaltig schädigen können.” Deshalb haben sie untersucht, ob Menschen mit psychopathischen Charakterzügen eher zu wirtschaftskriminellem Handlen neigen als andere. Die Arbeit wurde in der renommierten Fachzeitschrift “Journal of Business Economics” veröffentlicht.

Es gibt sehr unterschiedliche Ausprägungen von Psychopathie, erklärt Lingnau. Deshalb sei es wichtig im Alltagsverständnis zu differenzieren: Unternehmenspsychopathen dürfe man sich nicht vorstellen wie etwa im Thriller “American Psycho” mit US-Schauspieler Christian Bale in der Hauptrolle, der als Patrick Bateman durch brutale körperliche Gewalt auffällig wird. In Unternehmen könnten Psychopathen sehr erfolgreich sein und ihre dunklen Charakterzüge mittels hoher Intelligenz gut verbergen. Der kanadische Kriminalpsychologe Hare nennt sie “Faktor 1-Psychopathen”. Für die Wirtschaft können sie besonders gefährlich sein, so Lingnau.

Unternehmensskandale, wie beispielsweise beim 2001 durch massiven Bilanzbetrug insolvent gegangenen amerikanischen Energieriesen Enron, zeigen, dass Unternehmenspsychopathen durch ihre Fähigkeit, ohne Gewissensbisse zu lügen und zu manipulieren, für Wirtschaft und Gesellschaft eine existenzielle Gefahr darstellen können.

Prof. Volker Lingnau, Technische Universität Kaiserslautern

Bilanzmanipulation und Insiderhandel

In ihrer Studie haben sich die Forscher mit der Frage beschäftigt, inwiefern Personen mit den Charaktermerkmalen eines Unternehmenspsychopathen eher bereit sind, Bilanzmanipulationen und Insiderhandel zu akzeptieren – zwei der klassischen Formen der Wirtschaftskriminalität, die oft auch zusammen auftreten. Für ihre Untersuchung haben sie zwei Online-Umfragen mit insgesamt 469 Teilnehmern durchgeführt.

Das Ergebnis: Die Faktoren, die die “dunklen” Charaktereigenschaften eines Unternehmenspsychopathen widerspiegeln, sagen eine signifikant höhere Zustimmung zu den zwei Formen der Wirtschaftskriminalität voraus. Es gibt also offenbar einen Zusammenhang zwischen psychopathischen Charaktereigenschaften und der Neigung zu Wirtschaftskriminalität.

 

Besonders aussagekräftig waren hierbei die beiden Faktoren Kaltherzigkeit und der sogenannte Machiavellistische Egoismus, der sich durch besondere Rücksichtslosigkeit und manipulative Fähigkeiten auszeichnet. Beide Persönlichkeitsfaktoren können somit als absolute Risikofaktoren gesehen werden und sollten zum Beispiel bei Einstellungstests berücksichtigt werden.
Prof. Volker Lingnau, Technische Universität Kaiserslautern

Doch wie können Unternehmen sich davor schützen, dass ein charismatischer Utnernehmenspsychopath die Karriereleiter erklimmt? Lingnau und sein Team geben auch darauf in ihrer Studie eine Antwort: So könnten etwa soziale Arbeitsbedingungen solche Persönlichkeiten entlarven, da sie in diesen aufgrund ihrer sozialen Inkompetenz früher oder später auffällig würden. Auch entsprechende Schulungen könnten hilfreich sein, um Psychopathen zu erkennen. Außerdem diskutieren die Forscher neue Anreizsysteme und wie sie dabei helfen könnten, den Aufstieg für Psychopathen zu erschweren oder das Unternehmen für sie unattraktiv erscheinen zu lassen.

 

Die meisten Psychopathen zeigen nicht nur diese eine Seite, sondern haben auch andere “dunkle” Charakterzüge. Psychologen nennen dieses Phänomen die “Dunkle Triade” – den dunklen Dreiklang. Erst in den vergangenen jahren wurden die Persönlichkeitsmerkmale definiert, aus denen dieses Persönlichkeitskonstrukt besteht:

Der Narzisst
süchtig nach Aufmerksamkeit und Bewunderung

Der Machiavellist
eiskalt und begierig nach Macht

Der Psychopath
ohne Mitgefühl für andere, also keine Empathie