Psycho-Wochen: Psychopathie als Teil der Gesellschaft

Donald Trump, Henry VIII, Saddam Hussein und Hitler – sie alle haben damals beziehungsweise im Falle von Trump aktuell in der Gesellschaft eine Führungsrolle übernommen und sie scheint eines zu einen: hohe Werte auf dem Psychopathtic Personality Inventory – Revised (PPI-R), einem psychologischen Verfahren, das psychopathische Tendenzen in der Persönlichkeit misst – jedoch nicht jemanden als „Psychopathen“ im klassischen Sinne ausweist (vgl. Alpers & Eisenbarth, 2008; Hogrefe Testzentrale, o.A.)! Eine Untersuchung an der Oxford Universität kam zu überraschenden (aber auch weniger überraschenden) Ergebnissen (Knapton, 2016).

„Psychopathie“ als Teil der Gesellschaft

Dr. Kevin Dutton, Psychologe an der Oxford Universität (Dutton, 2016), hat namhafte Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart dem Ranking unterzogen (vgl. Knapton, 2016). Das Verfahren, so Dutton, habe allerdings nicht den Zweck, zu bestimmen, ob jemand ein Psychopath sei oder nicht, es werden lediglich Eigenschaftsdimensionen gemessen, die einem psychopathischen Charakter zugeordnet werden können.

PPI-R zur Messung von Psychopathie

Bezüglich des Einsatzbereiches des PPI-R (Hogrefe Testzentrale, o.A.) wird darauf hingewiesen, dass der Test angewendet werden könne, „um die dimensionale Ausprägung des Merkmals Psychopathie und dessen Teilaspekte zu erfassen“. Für prognostische Aussagen würde sich das Verfahren dagegen nicht eignen, vielmehr sei es bei der „Planung des therapeutischen Vorgehens sowie für Grundlagen-, klinische und forensische Forschung“ hilfreich. Anders als die psychiatrischen Klassifikations- und Diagnosesysteme, welche Persönlichkeitsstörungen erfassen, soll mit dem PPI-R „eine dimensional variierende Persönlichkeitseigenschaft beschrieben werden“.

Charismatische Leader mit psychopathischen Tendenzen

Oft sind es keinesfalls nur „Serienmörder“, die psychopathische Tendenzen in sich tragen. Auch zum Beispiel „gesellschaftlich angepasste“ Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft genauso wie charismatische Leader können ebenfalls solche Eigenschaften aufweisen. Entscheidend, so Dutton (vgl. Knapton, 2016), sei dabei der „Mix“ dieser Eigenschaften: „Both great and terrible leaders score higher than the general population for psychopathic traits, but it is the mix of those traits that determines success.“

Personen mit psychopathischen Persönlichkeitstendenzen findet man häufig in Berufen, die eine gewisse Erfolgsorientierung und „Sachlichkeit“ erfordern. So sind Personen mit hohen Psychopathie-Werten häufiger in Berufsgruppen wie zum Beispiel CEOs, Anwälten, Chirurgen, Polizisten, Journalisten aber auch Geistlichen zu finden (Dutton, 2013; vgl. dazu auch Heilige und Psychopathen).

Bezogen auf die oben angesprochenen, im Hinblick auf psychopathische Tendenzen untersuchten Persönlichkeiten heutiger und früherer Zeiten solle, gemäß dem Ranking von Dutton, Trump zwei Punkte vor Hitler rangieren (vgl. Knapton, 2016), Hillary Clinton dagegen auf den „hinteren Plätzen“ zwischen Nappoleon und Nero. Selbstredend wurden die Personen nicht persönlich befragt, stattdessen zog man Experten aus Politik und Geschichte heran, welche die Persönlichkeiten beurteilten. Auch Jesus soll psychopathische Tendenzen in seiner Persönlichkeit aufgewiesen haben, genauso wie Elizabeth I, Abraham Lincoln und Mahatma Gandhi.

Eine differenzierte Betrachtung der im PPI-R gemessenen Skalen könnte helfen, zu verstehen, welche Persönlichkeitstendenzen den psychopathischen zugeordnet werden können und dass diese nicht zwingend bedrohlich sein müssen (vgl. Alpers & Eisenbarth, 2008; Universität Freiburg, o.A.):

Psychopathische Persönlichkeitstendenzen

  • Schuldexternalisierung: Tendenz, andere Menschen oder äußere Umstände für das eigene Verhalten und die Konsequenzen verantwortlich zu machen; sich als Opfer von Intrigen sehen; Glaube an die Unabänderbarkeit des Schicksals
  • Rebellische Risikofreude: Neigung zu Extravaganz und Exaltiertheit (Hysterie, übertriebene Freude etc.); Suche nach Besonderem; unsteter Lebenswandel
  • Stressimmunität: stressresistent; nicht aus der Ruhe bringen lassen
  • Sozialer Einfluss: kein Verspüren von Angst in sozialen Situationen; selbstsicher; oft und gern im Zentrum der Aufmerksamkeit
  • Kaltherzigkeit: geringe Empathiefähigkeit; gleichgültig gegenüber anderen Menschen und deren Gefühlen; eigene Interessen über die der anderen stellen
  • Machiavellistischer Egoismus: eigener Vorteil hat Priorität; Tendenz, aus Situationen das Beste für sich herauszuholen, ohne Rücksicht auf andere
  • Sorglose Planlosigkeit: kindlich unbeschwerte Haltung gegenüber der Welt; sorglos; unzuverlässig; in den Tag hineinlebend; keine realistischen Zukunftspläne
  • Furchtlosigkeit: risikofreudiges Verhalten; vor keinem Abenteuer zurückschreckend; Spaß an Risikosportarten
  • zzgl. Skala „Unaufrichtige Beantwortung“ zur Überprüfung von Antworttendenzen manipulativer Art: Versuch, Test zu manipulieren durch zum Beispiel systematisches Ankreuzen der Antworten

Skalen wie zum Beispiel „Stressimmunität“ oder „Sozialer Einfluss“ zeigen, dass psychopathische Tendenzen durchaus auch positiver Natur sein können. Manche sagen sogar, dass unsere Gesellschaft gemeinhin psychopathischer wird. Die Stärke der Ausprägungen auf den einzelnen Skalen ist entscheidend für den von Dutton angesprochenen Mix, der über den Lebensweg der jeweiligen Personen entscheidet. Worin der Unterschied zwischen psychopathischen Persönlichkeitstendenzen und dem klassischen „Psychopathen“, dem „Serienmörder“, der mit seinem antisozialen Verhalten die Gesellschaft drangsaliert, liegt, wird im nächsten Teil unserer Serie zur Psychopathie nachgegangen.

Quellen:

Quelle: http://www.psyheu.de/9083/psychopathen-gesellschaft-psychopathie/