Wie faschistisch ist die AfD?

„…  1995 veröffentlichte die Zeit einen Text mit dem Titel Urfaschismus [1], bei dem (Umbeto) Eco sich mit dem Thema Faschismus auseinandersetzte und einige Kriterien definierte. Schauen wir uns doch mal die Punkte an und vergleichen mit der AfD.

  1. Traditionskult

  2. Ablehnung der Moderne

  3. Ablehnung Kritischer Kultur

  4. Fehlende Zustimmung bedeutet Verrat

  5. Natürliche Angst vor Unterschieden wird ausgebeutet und verstärkt

  6. Appell an eine frustrierte Mittelklasse die unter […] „der Empfindung politischer Demütigung litt und sich vor dem Druck sozialer Gruppen von unten fürchtete.“

  7. Nationalismus und eine Verschwörung als Feindbild

  8. Gefühl der Demütigung durch Macht des Feindes

  9. „Pazifismus ist daher Kollaboration mit dem Feind.“

  10. Elitedenken

  11. Heldentum ist die Norm

  12. Machismo (Unterdrückung der Frau und abweichender Sexualität)

  13. Das Individuum zählt nicht, sondern nur die Menge, oder „das Volk“.

  14. Der Urfaschismus spricht Newspeak.

Zu einigen der Punkten wäre es ein einfaches sich eine beliebige Rede von Björn Höcke herauszusuchen und diese entsprechend abzuharken. Aber seien wir fair. Höcke ist nur ein einzelner Vertreter und auch wenn es hunderte von Fans und Zuschauern gibt, die ihm blind zujubeln und folgen, könnte sich die AfD immer noch damit herausreden, dass er als einzelner nicht die Partei als ganzes vertritt.

Schauen wir also hauptsächlich in die aktuellen Wahlprogramme und die Parteirichtlinien. Die sind nämlich per Mehrheitsbeschluss entschieden und damit keine Einzelmeinungen.

Traditionskultur

„Sachsen-Anhalt ist ein reiches Land – reich an Menschen mit gesundem Verstand, reich an weiten unverbauten Landschaften und unerschöpflich reich an Geschichte. Die Altmark gilt als die Wiege Preußens. Die Reformation nahm ihren Ausgang in Wittenberg. In Magdeburg hatte das frühe römisch-deutsche Kaiserreich sein geistig-politisches Zentrum. Mit den Merseburger Zaubersprüchen kommen die bekanntesten Sprachdenkmäler des Althochdeutschen aus Sachsen-Anhalt. In keinem anderen Bundesland herrscht eine solche Dichte an Denkmälern von nationaler Bedeutung. Nirgendwo liegen so viele Wurzeln deutscher Geschichte wie hier. Wir sind stolz auf Sachsen-Anhalt!“

Erster Absatz aus der Präambel des Wahlprogramms in Sachsen-Anhalt.

Traditionskultur – Check!

Ablehnung der Moderne

Gleichberechtigung der Frauen, Homosexuellen, Alternative Familienmodelle – alles Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit und ausdruck der Moderne. Die Ablehnung findet sich in allen Wahlprogrammen wieder. Sei es durch die Forderung Gleichstellungsbeauftragte abzuschaffen oder die Weigerung homosexuellen Paaren die gleichen Rechte wie Ehepaaren einzuräumen.

Ablehnung der Moderne – Check!

Ablehnung kritischer Kultur

„Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern.“

Kultur ja, aber nur, wenn sie ein positives Selbstbildnis fördert.

Ablehnung kritischer Kultur- Check!

Fehlende Zustimmung bedeutet Verrat

Da verweise ich einfach mal auf die Facebookseite der AfD. Auch wenn ich das Wort selbst nicht auf die Schnelle gefunden habe, wird da den Altparteien und besonders gern der Kanzlerin gern der Varrat am deutschen Volk unterstellt. Im Wahlprogramm der AfD Baden-Württemberg findet sich sogar die folgende Passage:

„Die Regierungsparteien in Berlin und Stuttgart, die die AfD aufgrund dieser Forderungen […] diffamieren, haben nicht nur alle Verantwortung für das eigene Volk abgelegt, sie handeln in zynischer Weise als Saboteure unseres Staates und unserer Gesellschaft.“

Fehlende Zustimmung bedeutet Verrat – Check!

Natürliche Angst vor unterschieden wird ausgebeutet und verstärkt.

Ich könnte reichlich Beispiele aus dem Hut ziehen. An dieser Stelle soll aber dieser Satz aus der Präambel des Wahlprogramms für Sachen-Anhalt genügen:

„Die zügellose Masseneinwanderung bedroht unseren bescheidenen Wohlstand und unseren inneren Frieden.“

Angst Ausbeuten und verstärken – Check!

Appell an eine frustrierte Mittelklasse die unter […] „der Empfindung politischer Demütigung litt und sich vor dem Druck sozialer Gruppen von unten fürchtete.“

„Wir nehmen es nicht hin, dass für die Rettung von Banken oder für hunderttausende von Wohlstandsflüchtlingen Milliarden und Abermilliarden hart erarbeiteter Steuergelder ausgegeben werden, während Schulgebäude jahrelang auf ihre Sanierung warten, die Schlaglöcher auf unseren Straßen immer größer werden und um jeden Euro für eine nötige Strukturförderung gefeilscht werden muss. […]Wir werden als politisch Verantwortliche die Sorgen und Wünsche der Bürger ernst nehmen und ihre Anliegen offensiv in den Parlamenten und Gremien vertreten.“ Eco hätte wahrscheinlich genau diese Passage zitiert, wenn man ihn um ein Beispiel für diesen Punkt gebeten hätte. An diesem Punkt sieht man zudem besonders gut ein Beispiel für die Rhetorik aller Faschisten: Ein Faktum (Rettung der Banken durch Steuergelder) beziehungsweise eine gefühlte Wahrheit (Schlaglöcher werden größer) werden mit emotional aufgeladenen Schlagwörtern (Hart erarbeiteten Steuergeldern) auf einen vermeintlichen Gegner geleitet, in diesem Fall „Wirtschaftsflüchtlinge“. Das viele hart arbeitende Deutsche nicht genug Geld verdienen um überhaupt Steuern zu zahlen fällt genau so unter den Tisch wie der Fakt, dass man sich doch das Geld zunächst von denen zurückholen könnte, die es zuerst genommen Haben: Die Banken. Statt dessen wird der -durchaus berechtigte- Zorn auf eine vergleichsweise schwache Minderheit gelenkt, die einem den wenigen Rest auch noch wegnehmen will.

Appell an eine frustrierte Mittelklasse-Check!

Nationalismus und eine Verschwörung als Feindbild

Aus dem Wahlprogramm der AfD Baden-Württemberg:

“Diese führt zunehmend zu Sprech- und Denkverboten, zu einem Klima der Repression und Intoleranz in Namen von trügerisch wohlklingenden Begriffen wie „Vielfalt“, „Buntheit“, „Toleranz“ und „Gleichstellung“.“

„Das aggressive Verhalten der Altparteien gegenüber der AfD zeigt, dass diese den wunden Punkt bei ihnen getroffen hat.“

Die AfD sieht sich als Opfer einer Verschwörung der Altparteien, inklusive Denk- und Sprechverbote. Und darauf reagiert sie, gemäß dem Wahlprogramm aus Sachsen-Anhalt am besten wie folgt:

„Ein gesunder Patriotismus und Heimatverbundenheit garantieren, dass Freiheit nicht in Zerstörung mündet. Deshalb wollen wir jenseits der heutigen Denkverbote die Stärkung und Pflege unserer regionalen und nationalen Identität sowie die Erziehung zu sozialer Verantwortung zur Aufgabe der Politik machen.“

Patriotismus und Heimatverbundenheit- auch eine Möglichkeit Nationalismus zu beschreiben.

Nationalismus und eine Verschwörung als Feindbild – Check!

Gefühl der Demütigung durch Macht des Feindes

„Wir dürfen die Politik nicht einer Kaste von abgehobenen Berufspolitikern überlassen.“

Nun, so gern ich der AfD in diesem Punkt auch inhaltlich Recht geben möchte, so ist doch auch hier die Formulierung entlarvend. Der Ausdruck „Kaste“ bezeichnet eine – meist im Hinduismus verbreitete- Bezeichnung für eine Gesellschaftsschicht. Kasten sind starr und undurchlässig. Die AfD positioniert sich hier und an anderer Stelle sprachlich scheinbar auf die Seite der Bürger, gegen die übermächtige Politiker-Kaste. Durch die sprachliche Positionierung erweckt sie den Eindruck, die Polilitiker hätten die Macht und die müsse man ihnen entreißen. Tatsächlich versucht sie ja gerade selber in diese Kaste aufzusteigen.

Gefühl der Demütigung durch Macht des Feindes – Check!

„Pazifismus ist daher Kollaboration mit dem Feind.“

Die Kampfrethorik ist in den Wahlprogrammen, aber nicht nur da allgegenwärtig. Im Wahlprogramm Sachsen-Anhalt finden sich 3 mal Varianten des Wortes erkämpfen allein in der Präambel. Im Programm von Baden-Württemberg finden sich 20 Mal Varianten der Wörter „erkämpfen“ und „bekämpfen“ auf gerade 64 Seiten. Das ist im Schnitt alle 3 Seiten ein Kampfbegriff.

Pazifismus als Kollaboration mit dem Feind -nah genug dran- und in dem Zuge auch „Heldentum ist die Norm“ – Check!

Elitedenken

Elitedenken ist schwer an einzelnen Zitaten festzumachen. Wohl aber an dem Namen. „Alternative“ bedeutet ja, sich von der Masse, dem Standard abzuheben. Also auch hier -Check!

Machismo

Auch hier könnte ich wieder Herrn Höcke zitieren, dass wir wieder unsere Männlichkeit entdecken sollten. In den Wahlprogrammen finden sich aber auch so genügend Punkte, die die Position der AfD klar machen. Die AfD ist gegen die Gleichstellung homosexueller Paare.

„Eine vollumfängliche rechtliche Gleichstellung der Ehe mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft, die sog. „Homo-Ehe“, lehnen wir deshalb strikt ab.“

Gegen Frauen setzt die AfD auf die Abschaffung von Frauenquoten und Gleichstellungsbeauftragten. Viel schlimmer wiegt jedoch der Versuch Abtreibungen komplett verbieten zu lassen, was einer der größten Rückschritte für Frauenrechte seit Jahren darstellt.

„Die Alternative für Deutschland setzt sich für eine Willkommenskultur für Un- und Neugeborene ein und wendet sich gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, sie staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem „Menschenrecht“ zu erklären. Schwangeren in Not müssen konkrete Hilfen angeboten werden, damit sie sich für ihr Kind entscheiden können.“

Machismo -Check!

Das Individuum zählt nicht, sondern nur die Menge

Auch hier ist es schwierig ein einzelnes Zitat ad hoc herauszugreifen. Die Formulierungen, die die AfD verwendet sind grundsätzlich auf ein Gemeinschaftsgefühl ausgelegt. Das ist jetzt noch nicht schlimm und auch im Wahlkampf für eine Partei normal. Interessant ist hier aber auch wieder die bereits erwähnte Abneigung von Abtreibungen. Eine Abtreibung ist etwas sehr persönliches und bestimmt nichts, was sich eine Frauen leichtfertig überlegt. Aber wenn sich Frauen für Abtreibungen entscheiden haben sie in der Regel wirklich gute Gründe dafür. Die AfD spricht dem Individuum Frau das Recht auf Abtreibung ab, damit die Geburtenrate gesteigert wird, um das Volk nicht aussterben zu lassen.

Das Individuum zählt nicht, sondern nur die Menge -Check!

Der Urfaschismus spricht Newspeak

Newspeak ist eine Form von Gedankenkontrolle. Wir denken in Sprache. Also werden unsere Gedanken durch das beeinflusst, was wir lesen Hören und sprechen. Die AfD wirft ihren Gegnern gerne Denk- und Sprechverbote vor (wie oben bereits erwähnt), verwendet selber aber eine eigene Form von Newspeak, nämlich eine negativ aufgeladene für Themen die Sie ablehnt (z.B. „Flut von Flüchtlingen“) und eine positive für Themen, die sie begrüßt „Willkommenskultur für Ungeborene“). Dieses Newspeak ist wohl auch einer der Gründe, warum die AfD von einigen Bürgern trotz ihrer Thesen immer noch als positiv wahrgenommen wird. Unsere Sprache ist eine mächtige Waffe und die AfD weiß in vielen Fällen damit umzugehen.

Newspeak – Check!

Ich habe die Punkte nur kurz angerissen und vielleicht auch nicht ausfürlich genug dargelegt, aber ich denke, eine Richtung lässt sich erkennen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich viele Punkte, die Umberto Eco als Merkmale des Faschismus herausgearbeitet hat, in den Wahlprogrammen der AfD für die Landtagswahl 2016 wiederfinden. Andere finden sich an anderer Stelle. Aber alle Punkte lassen sich finden.

Wer es nicht glaubt, darf sich gerne selbst davon überzeugen.

Wer die AfD wählt, spricht sich für den Faschismus aus. Und das würde uns genau wieder in die Jahre der deutschen Geschichte zurückführen, die die AfD so gerne als Ausrutscher abtun möchte.

Quelle: [1]http://www.zeit.de/1995/28/Urfaschismus

Die Wahlprogramme zum selber nachschauen:

Wahlprogramm der AfD BW http://afd-bw.de/wahlprogramm/

Wahlprogramm der AfD RLP http://www.alternative-rlp.de/wp-content/uploads/2015/11/wahlprogramm-ausfuehrlich.pdf

Wahlprogramm AfD Sachsen-Anhalt http://www.afd-lsa.de/start/wahlprogramm-2016/

 

Quelle: https://afdmaskiert.wordpress.com/2016/03/08/wie-faschistisch-ist-die-afd/