Was Wagenknecht zum deutschen Corbyn fehlt (oder was die V-Partei³ besser macht als Die Linke)

„Die Freude über den überraschenden Wahlausgang in Großbritannien ist auch in Deutschland bei vielen groß. Speziell die Linkspartei fühlt sich enorm bestätigt. Dabei weisen die Gründe für Corbyns Erfolg auf eklatante Unterschiede hin, die verstanden werden müssten, bevor es auch hierzulande einen „Corbyn-Effekt“ geben kann.

Corbyn nutzte seinen Parlamentssitz, um die „eigene“ Regierung zu attackieren: massiver Sozialabbau, Steuergeschenke für die Superreichen, Deregulierung der Finanzmärkte, der totale Schulterschluss mit Georg Bush, Kosovokrieg, Afghanistankrieg, Irakkrieg… über 600 Mal hat Jeremy Corbyn gegen die Blairregierung abgestimmt.

Ein ganzes Leben auf der richtigen Seite der Geschichte wurde im Netz nachvollziehbar und machte aus dem ewigen Outsider und isolierten Hinterbänkler jene Art Politiker, die man überall sonst vergeblich sucht.

Was Wagenknecht zum deutschen Corbyn fehlt

In deren Ansatz kommt alles einzig darauf an, „das Thema soziale Gerechtigkeit nach links zu holen“. Und gelänge dies und ginge es gerechter zu im Land, würden etwa rassistische Stimmungen geradezu automatisch einer „linkeren“ Weltsicht weichen.

Corbyn hat nun die soziale Ungerechtigkeit ins Zentrum seiner Kampagne gestellt. Allerdings gibt es eklatante Unterschiede.

Der Redebaustein, der regelmäßig die stärkste Publikumsreaktion auslöste, war Corbyns Forderung, Kunst und Kultur besser zu unterstützen, die flächendeckende Struktur der Theater und Konzertlocations zu fördern, Kürzungen im Kulturbereich rückgängig zu machen. Jedes Kind solle die Möglichkeit haben, Theater zu spielen oder ein Instrument zu erlernen, rief Corbyn unter tosendem Applaus.

Ähnlich war es bei der Sanders-Kampagne, die mit dem Thema Klimawandel / Umweltschutz euphorische Reaktionen ausgelöst hatte.

Für die Wagenknecht-LINKE sind dies abseitige Politikfelder, „Verliererthemen“, die die Mehrheit abschrecken und vom Hauptthema soziale Gerechtigkeit ablenken. Deshalb schweigt man lieber über Umweltthemen, um die Arbeiter bei Opel nicht als Wähler zu verlieren.

Sanders und Corbyn haben bewiesen, dass genau durch diese Erweiterung der sozialen Frage der Enthusiasmus speziell unter jugendlichen Wählern ausgelöst wird. Für diese Generation gehört es zum selbstverständlichen Lebensgefühl, dass die Menschheit bunt und divers ist, dass es queere Menschen eben gibt, dass die Umweltzerstörung eine katastrophale Zukunftsbedrohung ist usw.

Und ohne diesen Enthusiasmus der Jugend wäre Corbyns Erfolg undenkbar gewesen. Alleine am am letzten Tag der Wählerregistrierung schrieben sich 453146 Menschen unter 35 Jahren in die Wahlregister ein.

Das große Zelt der Solidarität

Jeremy Corbyn hat, wie zuvor Bernie Sanders, das große Zelt der Solidarität aufgemacht. Ihm ist es gelungen, die Vision einer solidarischen Gesellschaft, in der man sich gegenseitig hilft und respektiert, erlebbar zu machen.

Und sie machen einen Optimismus stark, der sagt: „Wir kritisieren nicht nur: wir greifen an und verändern die Welt. Wir schaffen das, alle zusammen!“

Corbyns Wahlkampf war durch und durch antirassistisch und sein lebenslanger Einsatz für diverse unterdrückte Gruppen wurde in jeder Rede deutlich.

Corbyns Vegetarismus war ein Pluspunkt! Corbyns Eintreten für gleiche Rechte der Schwulen und Lesben war ein Pluspunkt!

Zudem denkt sich doch jeder nicht-behinderte Wähler, der Corbyn leidenschaftlich und kenntnisreich für die Belange behinderter Menschen Partei ergreifen hört: „Hm, wenn der sich um die so sehr kümmert, kümmert er sich bestimmt auch um mich. Der Mann meint das ernst, der weiß genau, welche Probleme wir haben…“

Die LINKE fährt demgegenüber eine unglückselige Arbeitsteilung. Wagenknecht greift am Thema soziale Gerechtigkeit und Außenpolitik wütend an und lässt alle anderen Themen links liegen. Den Antirassismus und den Kampf für gleiche Rechte überlässt sie derweil den Reformern um Dietmar Bartsch, und Umweltpolitik kommt bei der LINKEN kaum vor.

Schon Sanders zeigte, dass diese Kalkül grundfalsch ist. Und Corbyn zeigt es wieder. Diese alten Männer wurden zu Stars der Jugend, weil sie deren Lebensgefühl mit einer politischen Programmatik verbinden. Und dieses Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts interessiert sich nicht mehr für die taktischen Spielchen der Politstrategen.“

Die Sieger des 21. Jahrhunderts werden vielmehr die sein, die eine solidarische, nachhaltige Gesellschaft glaubwürdig, kämpferisch und optimistisch vertreten.“

 Quelle und gesamter Text: https://www.rubikon.news/artikel/was-wagenknecht-zum-deutschen-corbyn-fehlt

Von Florian Ernst Kirner alias Prinz Chaos II. arbeitet als Kabarettist, Liedermacher und Blogger. Er ist seit seiner frühen Jugend politisch aktiv, vor allem in den Bereichen Antifaschismus, Friedensbewegung und internationale Solidarität. 2013 verfasste er mit Konstantin Wecker den „Aufruf zur Revolte“. Er lebt in Südthüringen, wo er auf Schloss Weitersroda ein Kultur- und Gemeinschaftsprojekt entwickelt.

 Siehe auch:

Endlich eine Utopie: V-Partei³ – https://globalinformations.de/?p=5107

Precht: „eine intelligente Zukunftsvision“ – https://globalinformations.de/?p=5155