Die Politisierung des Bürgers

„… Wie politisiert sich ein Bürger, der sich in den Strudeln der Desinformation und den Wüsten defekter Sozialstrukturen angstvoll und latent aggressiv an Bestehendem klammert? Solange er klammert, spricht alles gegen die Erwartung, dass sich irgendwo irgendeine Gruppierung oder Strömung von hinreichender Durchschlagskraft entwickelt. Im obigen Zitat aus (DPB-6.4) sagt Witsch sinngemäß, das jede Politisierung in die Irre läuft, in der wir Bürger uns nicht als Teil des Problems erkennen und ändern.

Ein beliebter, von Witsch gründlich beleuchteter Irrweg ist die Projektion aller Schwierigkeiten auf einen Fremden, einen Sündenbock: Man fantasiert sich den faulen Griechen, den gebärfreudigen Türken und den faulen UND gebärfreudigen Hartz-Vierer. Um den Wahrheitsgehalt solcher Zerrbilder geht es nicht. Mit der Entdeckung von Sündenböcken wird vielmehr eine einfache Erklärung für komplexe Zusammenhänge geschaffen.

Auf dem anderen Ende der sozialen Leiter gilt der Börsenzocker nicht als Symptom, sondern als Verursacher wirtschaftlichen Übels. In gut eingefahrener Spur eilt der Spießer im Bürger zu antisemitischen Verschwörungstheorien weiter. Im Internet munkelt es schon allenthalben: Der Jude Rothschild ist der Strippenzieher hinter der Krise. Er beherrscht die Welt, zusammen mit den Illuminati und dem Papst. Mein Tipp: Thomas Gottschalk und Hansi Hinterseer stecken mit unter der Decke. Die tun nur so lieb! Umberto Eco (link is external) hat diesem gefährlichen Schwachsinn in seinem aktuellen Roman “Friedhof von Prag (link is external)” ein kritisches Denkmal gesetzt. Plausibilität spielt im Verschwörungswahn keine Rolle. Wichtig bleibt nur und immer der Wunsch: Gib mir Orientierung, gib mir einfache Erklärungen für chaotische, bedrohliche Zustände! Viele Verschwörungstheorien leben und sterben mit dem vermuteten Wirken einer zentral steuernden Macht, die sich verborgen hält. Die gibt es offensichtlich nicht, da ist der Denkfehler. In der globalisierten Welt ist die Macht in konkurrierende Zentren zersplittert, auf staatlicher wie auf wirtschaftlicher Ebene. Aber die Idee eines allmächtigen Strippenziehers gibt ein praktisches und handliches Weltbild.

Ach ja, der Allmächtige Strippenzieher! Wenn wir gedanklich einen bösen und einen guten Strippenzieher ins gleiche Universum sperren, haben wir Gott und den Satan und damit das Inventar für den religiösen Fundamentalismus sämtlicher Handelsmarken und Geschmacksrichtungen. Fundamentalismus bringt Millionen von Menschen in Bewegung, aber bestimmt nicht zur Emanzipation. Denn gerade Fanatiker fühlen sich immer auf der richtigen Seite und projizieren von sich weg.

Viele wirklich empathische und kritische Menschen dagegen verlieren sich in esoterischen Allmachts-Fantasien. Sie hoffen, allein mit ihrer positiven Energie und mit der Kraft ihres Guten Willens die Welt zu verändern, spätestens mit einer ordentlichen Portion Meditierens für den Frieden. Ich halte das für eine Regression in die magische Phase der kindlichen Entwicklung. Fünf- und Sechsjährige meinen, dass Wünsche in Erfüllung gehen, wenn man nur fest daran glaubt. Traurige Ironie: Der Rückzug von Erwachsenen in kindliche Träumerei*** nennt sich auch noch Awakening, also Erwachen.

Können wir hoffen, dass wenigstens das Internet die Welt revolutioniert, ein neues Zeitalter der demokratischen Kommunikation einleitet? Jeder hat Zugang zu allen Infos, kann selbst alle informieren. Eine schöne Illusion! Das mit der Revolution stimmt, das mit der Demokratie nicht. Das Internet wälzt die Welt um, macht sie aber nicht freier. Denn wie in bisher jeder Revolution folgt im Internet auf eine Phase der Anarchie die Etablierung neuer Herrschaft. Auf der technisch-ökonomischen Seite arbeitet man längst an automatischen Zensurmethoden und ungleichen Beförderungsgeschwindigkeiten. Ob und wie schnell meine Datenpakete in Zukunft die Empfänger erreichen, wird von Dringlichkeit, Zulässigkeit und Zahlungskraft abhängen.

Zurück zum veränderungsscheuen Individuum: Ihm ist das Internet vorrangig eine große Spielwiese und Sucht-Maschine, noch heftiger als das Fernsehen. Man kämpft und rammelt in virtuellen Welten und flieht vor der Welt jenseits der heruntergelassenen Jalousien. Das Buch “Wir amüsieren uns zu Tode” [Anm. Admin: von Neil Postman] (link is external) über die Verblödung und Infantilisierung [siehe FAZ-Artikel (link is external)] durch die elektronischen Medien ist eine olle Kamelle von 1985, aber brandaktuell.

Nicht zuletzt beginnen Propaganda, PR, Lobbyarbeit und Werbung die entscheidenden Diskurse auch im Internet an sich zu reißen. So wird selbst das urdemokratische Wikipedia von Werbestrategen unterlaufen. Die bezahlten Trommler für ökonomische und politische Auftraggeber sind eine Weltmacht, die in der Tendenz das bestehende System zementiert. Hier ist tatsächlich eine Größe, die aus dem Untergrund heraus die Menschheit beherrscht. Das Wort “Publik Relations” sagt klar, worum es geht: Beziehungen zur Öffentlichkeit gestalten und darüber hinaus die öffentlichen Beziehungen. In Stoßrichtung auf uns Normalbürger, auf unser Denken und Fühlen sind PR und Werbung eine riesige Verwirrungsindustrie. Zum Glück wird auch die PR nicht zentral gesteuert, sondern verfolgt ein Chaos widerstrebender Ziele. Aber in der Summe macht sie dumm und konsumgeil.

Das alles sieht gar nicht gut aus. Kann man als Ersatz für die Politisierung des Bürgers auf Einsicht bei den Mächtigen hoffen? In seinem satirischen Erfolgsroman “Stark” von 1989 erzählt Ben Elton (link is external), wie die mächtigsten Wirtschaftsbosse lieber ihre Auswanderung zum Mond organisieren als auf der Erde die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu stoppen. Soweit wird in der Realität niemand gehen, und natürlich ist es auch das Interesse der Reichen und Superreichen, in einer intakten Gesellschaft und einer geschonten Umwelt zu leben. Doch dem stehen nicht nur die Strukturen entgegen, sondern wiederum das, was Witsch als Bestandsinteresse und Bestandsregungen identifiziert. Zur Not tut es statt der Flucht zum Mond auch ein schwer bewachtes Reichen-Ghetto, aus dem heraus man sich nur in Hubschraubern und Panzerlimousinen bewegt.

Nun gut, Schluss mit dem Klagelied, die restlichen Strophen lasse ich unter den Tisch fallen. Bisher hat die Menschheit noch alles überstanden, sogar sich selbst. Das gibt mir Hoffnung. Überall auf der Welt entstehen soziale Bewegungen. Teils entwickeln sie sich gegen die Macht der neuen Medien, teils mit deren Hilfe. Attac, Landarbeiterbewegungen, Hungerrevolten, Montagsdemonstrationen, arabischer Frühling, Occupy. Wir sehen zwar, dass die Anläufe regelmäßig versanden oder unterwandert und eingefangen werden durch eine geübte Befriedungsmaschinerie. Doch ist das zwangsläufig? Bloß weil es bisher so war?

Die wichtigste und wertvollste Botschaft von Witsch steht schon in Die “Politisierung des Bürgers” (DPB), und ich kann sie nicht deutlich genug hervorheben: Die Märkte sowie unsere komplette Wirtschafts- und Lebensweise samt ihrer ungeheuren Zerstörungskraft sind keine Naturkräfte. Sie sind menschengemacht und können von Menschen verändert werden. Versuchen wir es, trotz alledem!

Quelle und gesamter Text: http://www.kritisches-netzwerk.de/forum/die-politisierung-des-buergers-franz-witsch