Drogen als Schmiermittel des Kapitalismus: „funktionier mal schön weiter“

„Gespräch mit Urs Köthner*. Über Drogen als Schmiermittel des Kapitalismus, die Wirtschaftsinteressen hinter deren Illegalisierung und Repression gegen Konsumenten

Eine drogenfreie Gesellschaft hat es nie gegeben, sagen Sie, Drogen gehören zur Geschichte der Menschheit.

Berauschende Substanzen haben die Menschen schon immer fasziniert. Die Motive sind vielfältig, anfangs war der Konsum sicher eingebunden in religiöse, schamanische Rituale, aber es ging auch schon um Genuss, Bewusstseinserweiterung, Linderung gesundheitlicher Probleme.

Hört sich gut an. Drogen gelten in unserer Gesellschaft ja eher als etwas Schlechtes, Krankes, Kriminelles.

Die Frage war und ist doch immer: Wie kann ich das Gute aus einer Substanz ziehen und das Negative vermeiden? Sehen Sie sich etwa Cannabis an, das ist auch ein hochwirksames Medikament, das heilen und lindern kann, das bei vielen Leiden bis hin zu Krebs eingesetzt wird.

Auch dem Alkohol sagt man durchaus förderliche Wirkungen nach.

Absolut, Drogen sind eben schon immer ambivalent gewesen. Ab einem bestimmten Grad nimmt der Nutzen ab, und der Schaden überwiegt. Aber es ist völlig sinnlos, eine drogenfreie Gesellschaft anzustreben. Gerade mal drei Prozent der Bevölkerung leben abstinent, das Ziel kann nur ein kontrollierter Konsum sein.

Drogen gab es schon immer – aber ihre Allgegenwart, ist das nicht neu, ein Kennzeichen unserer Zeit?

Das Neue ist aus meiner Sicht: Früher wurden Drogen genommen, um entrückt zu sein, dem Alltag zu entfliehen – heute in der Regel, um zu funktionieren, nach der Devise »höher, schneller, weiter«. Die Arbeitswelt 4.0, das einsame Arbeiten im Homeoffice, die Flucht in die »sozialen Medien«, all das befördert Drogenkonsum. Überall wird Leistung verlangt.

Wobei es das ja früher auch schon gab. Mit Beginn des Manchester-Kapitalismus explodierte der Kaffeekonsum in England. Die Arbeiter hätten sonst die Schichten an den Maschinen nicht durchgestanden. Drogen als Schmiermittel des Kapitalismus?

Wenn man so will. Nehmen wir zum Beispiel das Amphetamin Pervitin, auch als »Hitlers Wunderdroge« bezeichnet, das Millionen deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zur Leistungssteigerung verabreicht wurde. Müden Hausfrauen versprach die Werbung: »Wenn’s mal wieder nicht läuft, nimm Pervitin!« Das Zeug gibt es übrigens heute noch, es heißt jetzt Chrystal Meth.

Klingt natürlich schicker.

Eben. Alles eine Frage von Image und der gesellschaftlichen Wertung. Der Junkie vom Hauptbahnhof ekelt den Normalbürger an. Wenn sich ein Broker mit Amphetaminen dopt, Neuroenhancement betreibt, also Substanzen nimmt zur Leistungssteigerung – dann ist das salonfähig.

Den wenigsten würde einfallen, Kaffee als leistungssteigernde Droge zu bezeichnen. Auch Alkohol und Nikotin sind wohlgelitten, Heroin und Kokain dagegen von Übel. Woher kommt das?

Wir haben ein überkommenes Suchtbild, das substanzspezifisch geprägt ist. Dass Heroin als gefährlich begriffen wird, dafür hat auch die Forschung gesorgt. Bei Experimenten bot man Ratten zum Beispiel Leitungswasser und in einem anderen Gefäß morphinversetztes Wasser an. Die Ratten wurden süchtig und starben. Solche Versuche prägten das Bild: Opiate sind tödlich, der Mensch wird süchtig, verliert seine Steuerungsfähigkeit. Ende der 70er widerlegte der kanadische Psychologe Bruce K. Alexander diese Versuche.

Was machte er anders?

Alexander war aufgefallen, dass die Laborratten in engen und leeren Käfigen gehalten worden waren. Er machte folgendes: Er baute einen sogenannten Rat park, eine Art Rattenparadies. Fast neun Quadratmeter groß für 16 bis 18 Ratten beiderlei Geschlechts mit einem Überfluss an Nahrung, jeder Menge Spielzeug. Die konnten vögeln, soviel sie wollten. Auch diesen Ratten wurde die Wahl zwischen Leitungswasser und mit Morphin versetztem Wasser gelassen. Das Ergebnis: Keine einzige von ihnen wurde süchtig und starb. Das heißt: Wenn die Rahmenbedingungen gut sind, wenn wir uns als Teil der Gemeinschaft fühlen, dann ist die Gefahr, abhängig zu werden, gering.

Ist das Bild von der zerrütteten Unterschichtfamilie, in der der Vater säuft und die Kinder schlägt, ein Klischee?

Ja. Drogenprobleme gibt es in allen Schichten, bei Mittelschichtlern und den Reichen wurzeln sie oft eher in emotionaler Vernachlässigung.

Hilfsangebote wie Ihre haben nicht verhindert, dass die Zahl der Drogentoten zuletzt wieder gestiegen ist. An den Substanzen selbst liegt das aber nicht.

Nein. In Berlin gibt es die Ambulanz von Thomas Peschel, in der die Abhängigen unter medizinischer Aufsicht Diamorphin bekommen, das ist eine chemische Bezeichnung für Heroin, wo sie auch betreut werden, wo sie Musik machen, in einer Werkstatt arbeiten können. Unter solchen Bedingungen kann man mit dem Stoff alt werden. David Nutt, der führende englische Suchtforscher, weist schon seit Jahren darauf hin, dass Alkohol und Tabak für den Körper viel schädlicher sind als Cannabis, LSD oder Opiate. Weil er die Verteufelung dieser Substanzen anprangerte, feuerte ihn 2009 die Regierung, deren oberster Drogenberater er war.

Wurde ihm da vorgeworfen, er habe gefährliche Drogen verharmlost?

Natürlich. Aber darum ging es nicht. Auch ich würde nie sagen: Drogen sind gut, nehmt die mal fleißig. Aber die Forschung sagt klar, dass man von Opiaten zwar schneller körperlich abhängig wird, nämlich nach einem halben Jahr im Schnitt, während es bei Alkohol im Schnitt sechs Jahre sind – wenn man aber zum Beispiel 40 Jahre reine Opiate konsumiert, und das unter günstigen Bedingungen und bei Kenntnis der Dosis, bleiben null körperliche Schäden zurück. Mit Alkohol hat man da längst organische Probleme und Hirnschäden. Man säuft sich dumm.

Die Dämonisierung der illegalisierten Drogen ist offenbar ideologisch motiviert.

Ideologisch, religiös, wirtschaftlich. Es ist doch bezeichnend, dass genau die Drogen illegalisiert sind, die aus Ländern der sogenannten dritten Welt kommen, alle legalen dagegen aus den Industriestaaten, und die werden noch aggressiv vermarktet. Es stecken letztlich Wirtschaftsinteressen dahinter. Die Weltkommission für Drogenpolitik, »Global Commission on Drug Policy«, hat gerade einen Bericht vorgelegt und die Entkriminalisierung von Drogen gefordert, weil die Prohibitionsstrategie gescheitert sei. Sie kostet gigantische Summen und unzählige Menschenleben. Allein in Mexiko hat der Drogenkrieg mehr als 160.000 Todesopfer gefordert.

Momentan wird der Drogenkonsum doch, wie gehabt, verteufelt, jeder Handel verfolgt. Hamburg ist da weit vorn. Die im April 2016 gegründete »Taskforce Drogen« der Polizei jagt afrikanische Kleindealer auf St. Pauli, in St. Georg und im Schanzenviertel. Sogar bürgerliche Blätter und die Polizei selbst räumen ein, dass damit höchstens das Dealen weniger sichtbar wird.

Eben, die Repression bewirkt nichts. Es wird soviel gedealt und konsumiert wie zuvor. Die gehen halt zwei Straßen weiter. Eine Studie hat übrigens 2009 die Ausgaben im Bereich illegalisierte Drogen in Deutschland geschätzt und festgestellt, dass von den etwa acht Milliarden Euro, die von der öffentlichen Hand jährlich aufgewendet werden, ungefähr 70 Prozent in den Bereich Repression fließen, nur 30 Prozent in den Bereich der Hilfen. Wollen wir uns eine solche Drogenpolitik noch leisten? Wir kommen, wenn wir eine Veränderung wollen, aber an Polizei und Staatsanwaltschaften nicht vorbei.

Vorstöße von der Seite gab es schon vor knapp 25 Jahren. 1994 erklärte der Stuttgarter Polizeipräsident Volker Haas, die Prohibitionspolitik nütze nur der Mafia. 1997 forderten mehrere Polizeipräsidenten in einer Spiegel-Titelgeschichte Heroin vom Staat. Passiert ist seitdem nicht allzuviel.

Ja und nein, in der Diskussion sind wir sicher weiter als vor 20 Jahren. In den Reihen der Strafverfolgungsbehörden mehren sich Stimmen, die ein radikales Umdenken in der Drogenpolitik fordern. Die früheren Polizeipräsidenten, die sich damals im Spiegel geäußert haben, engagieren sich heute bei LEAP Deutschland, das steht für Law Enforcement Against Prohibition, Strafverfolger gegen Prohibition, einem Verein, dessen deutsche Sektion 2015 gegründet wurde. Polizisten, Richter und Staatsanwälte setzen sich bei LEAP für eine fortschrittliche Drogenpolitik ein. Im Vorstand sind der frühere Polizeipräsident aus Münster, Hubert Wimber, und Jugendrichter Andreas Müller aus Bernau bei Berlin.

Und die werden gehört?

Durchaus. Ende Mai findet zum Beispiel in Hamburg eine polizeiinterne Schulung von Landeskriminalamt und dem Bund Deutscher Kriminalbeamter, BDK, statt, bei der Wimber dabei ist und Suchtforscher Heino Stöver, der die Drogenpolitik ebenfalls für gescheitert hält. Thema: Bringt das alles überhaupt noch etwas, was wir hier tun?

Law-and-Order-Politiker werden das Thema aber ungern hergeben. Das Thema Drogen und die Junkies sind doch eine wunderbare Projektionsfläche für kleinbürgerliche Phantasien.

Klar. Drogenkonsumenten wurden früher schon gern als Aussteiger und Außenseiter stilisiert, faul, haltlos, verwahrlost, die modernen Galgenvögel. Sie halten uns bei der Stange. Wenn du dich gehen lässt, dann landest du da auch, wird einem signalisiert, also funktionier mal schön weiter…“

Quelle und gesamter Text: https://www.jungewelt.de/artikel/306108.prohibition-ist-gescheitert.html

*Urs Köthner … arbeitet seit 1995 als Sozialarbeiter und Suchttherapeut in der ambulanten Drogenhilfe und war in Bochum, Frankfurt am Main und Köln tätig. Seit 2007 engagiert er sich im Bundesvorstand von Akzept e. V., seit August 2015 ist er Geschäftsführer des Vereins Freiraum Hamburg e. V., der bundesweit die Einrichtung von Fixerräumen vorantrieb und heute die Einrichtung Abrigado betreibt