Überall Querfrontler!

Watch-Seiten auf Facebook: Enttarnt, entlarvt … entrückt

„… Anfangs, als ich mich kritisch zu den Mahnwachen rund um Lars Mährholz geäußert hatte, erfuhr ich durch die Watch-Seiten bei Facebook gewissermaßen ein Lobbygefühl. Was auch immer ich schrieb, es wurde lobend erwähnt, geteilt und kommentiert.

Dann veränderte ich meine Sicht auf die Dinge. Ich wertete die Mahnwachen nicht mehr so grundsätzlich ab, sondern unternahm den Versuch, die Motivation vieler teilnehmender Menschen etwas weniger kategorisch zu betrachten. Dass das nicht immer geglückt sein mag, versteht sich von selbst. Aber meine neue Haltung ließ ein Problem entstehen: Erstens war ich den Mahnwachen-Initiatoren nach wie vor suspekt, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Und zweitens wussten die Watch-Leute mit mir nun nichts mehr anzufangen. Was allerdings inzwischen ebenfalls ein gegenseitiges Gefühl ist.

Ende der Geschichte?

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein. Leben und leben lassen, wenn man so will. War sie aber nicht. Denn offenbar lautet die Philosophie der angesprochenen Seiten, dass, wer nicht für sie ist, gegen sie sein muss. Wiederholt fand ich mich erneut in den Timelines der Watch-Seiten wieder. Diesmal allerdings war ich auf einmal ein „Neurechter“, „Querfrontler“ und „Verschwörungstheoretiker“. Das war und ist mir nun wirklich neu. Ich bin mein ganzes Leben lang links gewesen (bin es immer noch), habe schon in der Jugend begonnen, politisch aktiv zu werden, mich gegen Krieg und Imperialismus positioniert, war auf Demos, habe Unterschriften gegen Pershing II und Cruise Missiles gesammelt, Stadtteilarbeit gemacht und noch etliches mehr. Naturgemäß gab es mit Rechten keinerlei Berührungspunkte, schon gar keine Gemeinsamkeiten, und dass mich jemand des Antisemitismus bezichtigt, wäre mir bis vor einigen Monaten niemals in den Sinn gekommen.

Jetzt heißt es, ich trage einen Aluhut (was weder wörtlich noch im übertragenen Sinne zutrifft oder je zutraf), ich transportiere antisemitische Botschaften (gern wüsste ich, wo genau das der Fall sein soll), ich gebe mich mit den „falschen“ Leuten ab. Zumindest der letzte Punkt stimmt, wenn man der Logik der Watch-Macher glaubt. Denn die haben zu großen Teilen längst auch die NachDenkSeiten, mit denen ich als Audio-Sprecher und gelegentlicher Gastautor eng zusammenarbeite, als Verschwörungstheoretiker und Querfrontler ausgemacht. Albrecht Müller und Wolfgang Lieb tragen angeblich ebenfalls Aluhüte (was mir bei unseren Treffen entgangen sein muss) und Jens Berger hat sich als Volkswirt und NachDenkSeiten-Redakteur inzwischen dem Neoliberalismus zugewandt (was ich ebenfalls nicht mitbekommen habe). So ist es immer wieder nachzulesen.

Doch es gibt ja noch viel mehr von … „uns“.

Überall Querfrontler!

Was haben Albrecht Müller, Diether Dehm, Ken Jebsen, Konstantin Wecker, fefes Blog und (natürlich) ich gemeinsam? Richtig, wir alle – und es werden scheinbar täglich mehr – sind angeblich Querfrontler und Verschwörungstheoretiker, wahlweise auch Antisemiten, je nachdem, wer gerade welche Brille trägt. Glaubt man einigen Facebook-Kommentatoren, kommen auch noch die Macher von „die Anstalt“ mit dazu. Ach, und Christoph Sieber, der sich doch tatsächlich in einem Videobeitrag gegen „die da oben“ ausgesprochen hat, was natürlich das unmissverständliche Zeichen für die Worte eines (neurechten) Verschwörungstheoretikers sein muss, der dem geneigten kritischen, gut aufpassenden Zeitgenossen irgendwie immer schon suspekt war.

Wie schön!

Nicht voll auf Linie? Das gibt Ärger!

Im Entlarven und Enttarnen sind die Watch-Seiten auf Facebook emsig dabei. Und zimperlich gehen sie dabei auch nicht vor.

Natürlich muss jeder, der sich im Netz positioniert, der publiziert und öffentlich eine Meinung vertritt, damit rechnen, dass dies ein Echo hat. Alleine die Engstirnigkeit dabei verwundert. Und die Bewegungslosigkeit in den Köpfen den „Entlarver“. Einmal auf einen Standpunkt festgelegt, kommt man als Betroffener kaum wieder raus aus der Spirale der Vorwürfe. Es ist schon bitter, wenn man als Antisemit oder Querfrontler bezeichnet wird, weil man Standpunkte vertritt, die nicht voll auf Linie der vermeintlich politisch korrekten Medienwächter sind. Und es verwundert, wenn man gar nicht recht weiß, was genau man „angestellt“ hat. Da reicht es, wenn man unter den zahlreichen Videos von Ken Jebsen mal das eine oder andere findet, das man weiter empfiehlt (alleine die Erwähnung seines Namens dürfte dazu führen, dass ich in Kürze mit mehr oder weniger fantasielosen Titulierungen „beschossen“ werde). Oder wenn man ein Interview mit einem Menschen führt, der früher „in den falschen Kreisen“ verkehrte (völlig egal, wie die ganze Geschichte dahinter aussieht). Manchmal reicht es sogar, wenn man einfach weitermacht mit dem, was man schon lange tut, selbst wenn das thematisch überhaupt nichts mit den Themen zu tun hat, denen sich die Watch-Seiten bedienen. Seinen Stempel hat man ja bereits bei anderer Gelegenheit erhalten, der passt dann irgendwie immer.

Angriff ist die beste Verteidigung?

Auffällig bei den Wächtern über die politische Korrektheit ist zweierlei:

  1. Sie zeigen sich bei der Suche nach vermeintlich bösen, rechten und antisemitischen Bösewichten sehr flexibel. Ken Jebsen oder Diether Dehm könnte man als „Klassiker“ bezeichnen, die immer mal wieder für ein sattes und aggressives Posting herhalten müssen. Aber die Leser wünschen Abwechslung, sie wollen auch mal andere Gesichter sehen und Geschichten lesen. Also wird im Netz gesucht und geforscht, was das Zeug hält. Irgendwann dann lassen sich Videos von irgendwelchen Verschwörungstheoretikern finden, die zwar eindeutig das falsche Zeug im Kaffee hatten, aber letztlich eben auch harmlos sind. Sie werden öffentlich bloßgestellt, durch den Schmutz geschleift und mit bissigen Kommentaren überzogen. So kann aus dem Video eines Ahnungslosen, der sich so seine (durchgeknallten) Gedanken macht, aber keinen spürbaren Schaden anrichtet, ein Verschwörer, Antisemit oder Querfrontler werden, der womöglich vorher noch nie etwas von diesen Begriffen gehört hat und einfach seine Orientierungslosigkeit in seine Webcam gequatscht hat. Mit dem Stichwort „Kommentare“ sind wir dann auch beim zweiten Punkt der Auffälligkeiten:
  2. Die Watch-Seiten schreiben kaum etwas Eigenes. Sie recherchieren nach dem, was sie verurteilen können, sie nehmen Artikel oder Videos bis ins kleinste Detail auseinander und zerfetzen sie dann in der Luft, umschreiben in blumigen (und teils ellenlangen Kommentaren), warum sie verurteilen, was sie verurteilen. Nach eigenen Publikationen, nach eigenen Videos (es sei denn, sie stückeln fremde Videos zusammen und machen daraus „Satiren“) oder Interviews sucht man weitgehend vergeblich. Man könnte sagen: Die „falschen“ Standpunkte sind klar, die „richtigen“ muss man als Leser dann eben herleiten.

Wächter (fast) ohne Namen

Wie bereits oben geschrieben, muss jeder, der sich im Netz öffentlich macht, mit Reaktionen und Gegenwind rechnen. Wer sich (mit Klarnamen) in Gefahr begibt, der kommt darin um, so könnte man überspitzt formulieren. Für die Facebook-Watch-Seiten gilt das jedoch nur eingeschränkt. Sie nennen zwar die, die sie für Antisemiten, Neurechte und Querfrontler halten, beim Namen. Sie selbst halten sich aber sehr bedeckt. Geht man beispielsweise auf die Info-Seite von „Friedensdemo-Watch“, sind dort zwei Zitate zu lesen, eines von Paul Spiegel und eines von Eldad Beck. Über die Seitenbetreiber aber erfahren wir nichts. Ein bisschen mehr bietet „Aluhut für Ken“. Ein Impressum oder etwas ähnliches gibt es dort zwar im Infobereich auch nicht. Aber immerhin die Verlinkung auf eine Website, auf der sich dann einer der Initiatoren mit einem Text äußert. Weitere Texte stammen häufig von externen Seiten.

Für die gute Sache?

Bei den zahlreichen Fragen, die man sich im Zusammenhang mit Watch-Seiten stellen kann, sticht eine ganz besonders hervor: Was ist die Motivation der Macher? Geht es wirklich darum, aufzudecken, wer der guten Sache schaden will, wer als verdeckter Antisemit oder Rechtsradikaler inkognito den Widerstand schwächen will? Oberflächlich betrachtet scheint das so zu sein. Faktisch aber ist die Herangehensweise destruktiv. Weil sie sich stereotyper Muster bedient. Die „Angeprangerten“ werden auf wenige Charakterzüge reduziert, sie werden zitiert, aber nicht ohne zu interpretieren, was teilweise schon sehr abenteuerlich wirkt. Wenn man bedenkt, dass der Begriff „Querfront“ vornehmlich für die Idee steht, linke Inhalte mit rechtsextremen Gedanken zu unterwandern und so Einfluss zu nehmen, ist die Einsortierung zahlreicher politische Aktiver in diese spezielle Schublade schon mehr als gewagt.

Nun könnte man argumentieren, dass Protagonisten wie Ken Jebsen oder Lars Mährholz (aber wahrlich nicht nur die!) selbst zum Vorwurf beigetragen haben, als Querfrontler bezeichnet zu werden. Immerhin stehen sie für die These, es gebe kein Links und kein Rechts mehr, die Zielgruppe eines Ken Jebsen beispielsweise ist „der Mensch“, und der kann nun einmal links oder rechts sein. Andererseits daraus abzuleiten, jemand sei rechtsextrem, ist nicht nur zu kurz gedacht, es unterstellt politische Überzeugungen, die zum Abstempeln von Menschen führt, die sich öffentlich kritisch äußern. Selbst ein BILD-Zeitungsboykott, der vor gar nicht allzu langer Zeit eine Aktion gewesen wäre, bei der sich Linke einig sind, wird plötzlich als lächerlich abgestempelt, wenn er denn von den „falschen“ Leuten begleitet wird. Pedram Shahyar ist so einer. Weil er eine gefährliche Nähe zu Teilnehmern der Mahnwachen demonstriert hat, kann sein Aufruf, die BILD zu boykottieren, also nicht mehr als Geste für die richtige Sache verstanden werden, sondern als Lachpille eines Aluhutträgers. Da wird – zumindest für Elke Wittich, die hier als Beispiel dient – sogar der Kampagnenjournalismus des Springer-Blattes kurz mal in den Hintergrund geschoben.

Zurück zur Intention der Watch-Seiten. Einerseits geht es offenbar um Unterschiede. Man will sich absetzen, abgrenzen und abheben von vermeintlichen Querfrontlern, will keinesfalls mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Andererseits geht es um Gemeinsamkeiten. Man will sie entdecken, aufdecken, bekannt machen, wo immer man sie sieht.

A hatte zum Beispiel mal mit B zu tun, der seinerseits C scheinbar, möglicherweise unter Umständen gut kennt. Das hat eine Recherche ergeben, die sich auf Quellen aus dem Jahr 1994 bezieht. Damals – also folgerichtig auch heute – war C mit D bekannt, der A von einer Veranstaltung kannte, auf der B zwar nicht war, von der er aber wusste. Nicht nur, dass alle vier der Herleitung nach Querfrontler sind, auch E ist verdächtig, weil er öffentlich bezweifelt, dass an den Vorwürfen wirklich etwas dran ist.

Klingt zu absurd, zu konstruiert? Mag sein, aber die Tendenz stimmt dennoch.

Im besten Fall kann man den Watch-Seiten unterstellen, dass sie wirklich auf der Suche sind nach Leuten, die linke Ideen unterwandern wollen. Und dass sie dabei nicht genau genug vorgehen. Im schlimmsten Fall kann man vermuten, dass hier eine bewusste Spaltung des Widerstands betrieben wird. Warum, lässt sich nur erahnen und mündet zu Ende gedacht in Spekulationen und Verschwörungstheorien. Die Tatsache allerdings, dass nur wenig bekannt ist über die Macher der Watch-Seiten, lässt den Schluss zu, dass sie nicht gern erkannt werden. Bevor ich aber jetzt selbst mit dem Spekulieren beginne, überlasse ich das ab hier den Lesern. Denn spekuliert wird sowieso.

Warum nur, warum?…“

„GI möchte hier kurz mit Mahatma Gandhi antworten:

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Quelle und gesamter Text: http://www.spiegelfechter.com/wordpress/131657/watch-seiten-auf-facebook-enttarnt-entlarvt-entrueckt

Schöne Grüße an Systemunterstützende-Trollmaschinisten!