Jean Ziegler: Dritter Weltkrieg läuft längst

Jean Ziegler polarisiert. Mit 82 Jahren hat der Schweizer nichts an revolutionärem Furor und Engagement für die Ärmsten eingebüßt. Der Berater des UN-Menschenrechtsrates sprach mit dem KURIER über sein neues  Buch (unten). Zudem startete vor wenigen Tagen in Deutschland und der Schweiz der Dokumentarfilm „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“, der im August des Vorjahres beim Schweizer Filmfestival von Locarno vorgestellt worden war.

Wenn Sie schreiben: „Der dritte Weltkrieg gegen die dritte Welt hat längst begonnen. 54 Millionen Menschen sind 2016 gefallen.“ Das ist doch polemisch gemeint, oder?

Nein, das ist durch Fakten belegt. Diese Menschen sterben durch Kriege, Hunger, Kindersterblichkeit, durch verseuchtes Wasser oder an sich längst besiegte Epidemien.

Wir leben unter der Weltdiktatur des globalisierten Finanzkapitals. Die Oligarchie der 500 größten Konzerne kontrolliert 52,8 Prozent des Weltbruttosozialproduktes, also aller in einem Jahr produzierten Reichtümer. Das ist eine Machtfülle, wie sie kein König, Kaiser, Papst je hatte. Die Konzerne entschwinden jeder staatlichen Kontrolle und folgen nur einer Strategie: Profitmaximierung. Heute sind in den USA die Milliardäre ja direkt an der Macht.

Ist der Kapitalismus reformierbar?

Glaube ich nicht. Die Grundprinzipien sind seit 200 Jahren Konkurrenz, Marktwillkür und Monopolisierung von Macht. Dem gegenüber lebt in uns der Wille zu einer ganz anderen Gesellschaft, die nach dem Prinzip organisiert ist: von jedem nach seinen Fähigkeiten, für jeden nach seinen Bedürfnissen.

Wie wollen Sie diese Ungleichheit beenden?

Acht Milliardäre haben heute mehr Vermögen als 3,6 Milliarden ärmste Menschen. Da heißt es: Ja, das ist moralisch verwerflich. Aber Konsequenzen hat es keine. Dabei wird das bezahlt durch das Elend der untersten Schichten. Alle Steuerreformen der Industriestaaten wurden seit 21 Jahren nur für das Kapital gemacht. Die Sozialstaaten werden ausgehöhlt.

Nun hat das von Ihnen so kritisierte Wirtschaftssystem mehr Menschen denn je zuvor aus der Armut geholt. Kann man das einfach vom Tisch schieben?

Nein, ich glaube es eben nicht. Ich gebe ein Beispiel: Laut Welternährungsprogramm stehen dieser Tage 20 Millionen Menschen am Abgrund des Hungertodes: in Somalia, Südsudan, Nordkenia. Jetzt! Um sie zu retten, braucht es vier Milliarden Dollar. Die Geberkonferenz vom 5. März hat nur 270 Millionen zustande gebracht. Also…

Beschämend.

Genau. Es mag sehr partielle Fortschritte in der Reduktion der Opferzahlen geben. Aber von 7,3 Milliarden Menschen ist noch immer eine Milliarde permanent schwerstens unterernährt. Das ist eine kannibalische Weltordnung.

Sie bauen auf die Auflehnung der Zivilgesellschaft. Jetzt erleben wir eine Gegenbewegung zur Globalisierung, aber in Richtung Nationalismus. Und auf Kosten der noch Ärmeren, etwa Flüchtlinge. Was passiert da?

Ja, solche protofaschistischen, rassistischen, xenophoben Bewegungen haben großen Zulauf, in Deutschland, Schweiz, Frankreich. Woher das kommt? Nicht nur vom Verrat der Sozialdemokraten wie Francois Hollande und Co., sondern weil in der Krise die Sündenbocktheorie sehr verführerisch ist. Das war schon bei Hitler so. Das müssen wir bekämpfen; alle Menschen, die bei Vernunft sind.

Le Pen, Wilders, Petry und Co. Sie machen die „imperiale Strategie“, quasi das selbsternannte Weltpolizistentum, der USA  für Kriege und Elend verantwortlich. Was bedeutet es, wenn Trump die USA auf internationaler Bühne zurücknimmt?

Das ist eine gefährliche Situation. Bei der UNO in Genf und New York, und sicher auch in Wien, sind die Leute traumatisiert. Die USA ist der größte Geldgeber, sie zahlen 26 Prozent des Budgets, bei den Friedensmissionen der Blauhelme sind es sogar 60 Prozent. Wenn Trump die Zahlungen massiv  reduziert, wird die UNO gelähmt.

Wie beurteilen Sie die USA unter Trump?

Mich fasziniert die US-Gesellschaft immer noch. Gegen diese xenophobe, vulgäre, antifeministische, antisolidarische Trump-Rhetorik formiert sich unglaublicher Widerstand. Es haben doppelt so viele Amerikaner gegen Trump demonstriert als vor dem Kapitol gefeiert. Ich glaube nicht, dass Trump vier Jahre im Amt bleibt. Entweder es gibt ein psychiatrisches Problem oder der Druck wird so groß, dass er nicht mehr regieren kann.

Ein vorzeitiger Rücktritt? Oder ein Absetzungsverfahren?

Beides ist vorstellbar. In den USA tauchen moralische Aufstände spontan auf: „Das ist nicht unser Präsident, nicht der amerikanische Geist der Toleranz. Da sind Milliardäre im Weißen Haus, die nur ihre eigene Profitmaximierung verfolgen.“ Das vereint Menschen aus allen Lagern, Schichten und Regionen…“

Quelle und gesamter Text: https://kurier.at/wirtschaft/globalisierungskritiker-jean-ziegler-dritter-weltkrieg-laeuft-laengst/254.067.101