Aufmerksamkeitsterror

Eine Gesellschaft, die im Interesse des Konsums unentwegt den Narzissmus ­stimuliert, darf sich nicht wundern, wenn auch dessen destruktive Formen ­vermehrt zutage treten

Es ist kein neues Phänomen: Nach spektakulären Straftaten wird nicht etwa geschwiegen, sondern tage-, ja wochenlang aufgeregt geredet und gesendet. Kriminologen wissen seit langem, dass es in den Wochen nach solchen Akten oft zu einer Häufung ähnlicher Straftaten kommt. So wird man auch das Londoner Attentat vom Mittwoch dieser Woche als Resonanzstraftat begreifen können, die vom Datum her auf die Brüsseler Anschläge vor exakt einem Jahr, von der Art der Durchführung – mit einem Auto als Waffe – auf die Attentate von Nizza und Berlin Bezug nimmt. Spektakulär werden solche Verbrechen allerdings erst durch ihre mediale Resonanz, wozu in jüngster Zeit vor allem auch die sogenannten sozialen Medien beitragen. Der Amoklauf von München, bei dem am 22. Juli 2016 ein 18jähriger neun Menschen und sich selbst tötete, hat dafür ein aufschlussreiches und abschreckendes Beispiel geliefert. Für eine Weile ist die jeweilige Tat die »Topstory«, Reporter und Kamerateams belagern die Elternhäuser der Täter, interviewen Nachbarn und ehemalige Mitschüler und wetteifern in dem Bemühen, den vollen Namen des Täters in Erfahrung zu bringen und Fotos von ihm zu ergattern.

Es scheinen die giftigen Sekrete der unter die Diktatur der Einschaltquote geratenen Medien zu sein, die den »Virus« auf Empfänger übertragen, deren seelisches Immunsystem geschwächt ist und die deswegen für »Ansteckung« anfällig sind. Wenn es stimmt, dass amokartige Straftaten häufig aus medialem Narzissmus begangen werden, also von dem Wunsch der Täter angetrieben sind, aus der Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz heraus und ins Rampenlicht zu treten, dann macht sich, wer Bilder der Tat und des Täters verbreitet, zu ihren Komplizen und Erfüllungsgehilfen. Denn neuerdings werden Menschen getötet, misshandelt und gefoltert, um Bilder zu erzeugen und zu verbreiten. Die Wahrnehmung der Betrachter wird das Ziel der Tat. Der mediale Nachhall der Schüsse, Messerstiche oder Axthiebe ist wesentlicher Teil der Tatplanung und wird von den Tätern intensiv vorphantasiert und genossen. Der Täter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, dass die Medien ihn verbreiten.

»Aufmerksamkeitsterror«

Der Chefredakteur des Onlinemagazins Telepolis, Florian Rötzer, hat für diese Art Taten die Bezeichnung »Aufmerksamkeitsterror« vorgeschlagen. Jeder Bericht über die spektakuläre Rache eines Zukurzgekommenen und Übersehenen an seiner kränkenden Umwelt weckt »Sleeper«, die – verborgen in der anonymen Masse der Menschen mit chronischen Anerkennungsdefiziten – auf ihren Beachtung garantierenden Auftritt warten. Eine möglicherweise wirksame Form der Amok- und Terrorprävention bestünde darin, die Berichterstattung auf das sachlich Notwendige zu beschränken. Gäbe es den medialen Hype nicht, und würden Meldungen über Amoktaten und Terrorakte auf Seite sieben der Lokalzeitungen landen, gäbe es solche Taten in viel geringerem Ausmaß. Da jede neue Tat uns wieder ein zum medialen Paroxysmus gesteigertes Gegenbeispiel zu dieser eigentlich geforderten Enthaltsamkeit liefert, könnte man auf die Idee kommen, dass diese Gesellschaft den Amoklauf unbewusst fördert, weil er uns mit Bildern beliefert, die wir schaudernd genießen, und er uns kurzfristig ein panikinduziertes Gefühl der Zusammengehörigkeit beschert.

Knapp zwei Wochen nach der Amokfahrt von Heidelberg, bei der Ende Februar ein Mann mit einem Auto in eine Menschengruppe raste, hat sich in Düsseldorf erneut eine amokartige Tat ereignet. Am 9. März gegen 21 Uhr begann ein Mann beim Aussteigen aus der Regionalbahn, mit einer Axt auf Mitreisende einzuschlagen. Der Täter wurde aus dem Zug gedrängt und setzte sein Gemetzel auf dem Bahnsteig fort. Zehn Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Auch der Tatverdächtige befindet sich im Krankenhaus. Er war nach der Attacke auf dem Bahnhof von einer Brücke mehrere Meter hinab auf eine Straße gesprungen, wobei er sich mehrere Knochenbrüche zuzog. Bei der Festnahme stellte die Polizei eine Axt sicher. Von einem terroristischen Hintergrund der Tat gehen die Ermittler nicht aus. Er habe sich in einer »psychischen Ausnahmesituation« befunden, aufgrund derer er wohl diese Tat begangen habe, sagte ein Polizeisprecher. Ein Angehöriger des Mannes habe sich an die Polizei gewandt und diese Information an die Ermittler weitergegeben. Um was für eine Ausnahmesituation es sich gehandelt habe, werde noch ermittelt.

Wenig später stieß man in der Wohnung des Mannes auf Medikamente und ein ärztliches Attest, das ihm eine »paranoide Schizophrenie« bescheinigt. Da man seit langem weiß, wie gefährlich Menschen mit einer Psychose, besonders aus dem paranoiden Formenkreis, sein können, fragt man sich, warum man nichts unternommen hat, um andere vor ihm und ihn vor sich selbst zu schützen. Gefährlich sind Paranoiker deswegen, weil sie dazu neigen, innere Verfolger nach außen zu verlegen und dort zu attackieren. Unvermittelt können sie eigene aggressive Tendenzen auf Fremde projizieren und diese dann in vermeintlicher Notwehr angreifen. Urplötzlich kann ein wildfremder Mensch, der zufällig den Weg eines Paranoiden kreuzt, für diesen zur Inkarnation alles Bedrohlichen und Bösen werden.

Nicht erst seit der Attacke im Würzburger Regionalzug im Juli 2016, bei der vier Touristen aus Hongkong verletzt wurden, werden Äxte und Samurai-Schwerter für amokartige Attacken verwendet. Äxte und Beile sind in vielen Haushalten zuhanden und eine wirksame Nahwaffe. Die Axt kommt als Tatwaffe für jene in Betracht, die nicht an Schusswaffen kommen oder für ihren Erwerb kein Geld haben. Eine mit einer Axt ausgeführte Tat bedarf keiner langen Planung. Die Verbindung zwischen Kopf und Hand ist kurz und relativ spontan. Man braucht nur einen Ort auszuwählen, an dem zuverlässig größere Menschenmengen anzutreffen sind, und schon kann das Wüten beginnen. Der Täter verbreitet Angst und Schrecken, weil seine Attacke mit viel Blutvergießen einhergeht.

Im September 2003 betrat der 24jährige Stefan A. das Bader-Versandhaus in Pforzheim, in dem er Jahre zuvor eine Lehre absolviert hatte und nach einem gescheiterten Versuch, ein Studium zu beginnen, nun wieder angestellt war. Er trug ein Samurai-Schwert bei sich, stürmte in die Marketingabteilung im sechsten Obergeschoss und schlug sofort zu. Eine Frau starb, einer weiteren wurde beinahe der Oberarm abgetrennt und eine Hand abgehackt, zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt. »Ich hasse die Welt, ich hasse die Menschen«, sagte der junge Mann zur Erklärung. Mehr über seine Motive hat auch das Gericht nicht in Erfahrung gebracht, das ihn zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilte.

Angriff aus dem Nichts

Am Tag nach dem Axt-Amoklauf von Düsseldorf, als die Tat in den Medien heftig widerhallte, ging ein junger Mann in einem Gewerbegebiet im südhessischen Eschborn mit einem Messer auf einen Passanten los, rammte es ihm in die Brust und verletze ihn lebensgefährlich. Beide waren sich zuvor nie begegnet, und das Opfer hat nicht das geringste zur Eskalation beigetragen. Nach der Tat war der Messerstecher zunächst geflüchtet, konnte jedoch wenig später im Rahmen der sofort eingeleiteten Fahndung festgenommen werden. Er gestand die Tat, seine Motive blieben aber im dunkeln. Das Opfer überlebte schwer verletzt.

Als ich auf der Suche nach den Umständen der Eschborner Tat den Begriff »Messerattacke« in die Suchmaschine eingab, war ich erstaunt über die Vielzahl solcher Vorfälle. In jüngerer Zeit kommt es offenbar gehäuft zu affektiven Kurz- und Fehlschlüssen. Diese führen zu Erregungen am falschen Ort und gegen Objekte, die zufällig und willkürlich als Opfer gewählt werden. Immer mehr Menschen laufen als offene narzisstische Wunden und lebende Spaltungen durch die Gegend und sind auf der Suche nach einer Bestätigungsmöglichkeit für ihre Projektionen oder einem Container für innere Ängste und Wut.

Die englische Psychoanalytikerin Melanie Klein hat diesen Vorgang zu den archaischen Abwehrmechanismen gezählt und »projektive Identifizierung« genannt. Zunächst wird das, was einen Menschen im Innern bedroht und in Angst versetzt, auf einen oft zufällig gewählten anderen projiziert. Im zweiten Schritt wird dieser andere solange manipuliert, bis er sich die auf ihn projizierten Affekte tatsächlich zu eigen gemacht hat. Jetzt fühlt sich der Projektor tatsächlich verfolgt, der andere hat sich in das »böse«, verfolgende Objekt verwandelt, gegen das er sich verteidigen muss, indem er in »Notwehr« zuschlägt. Manchmal werden solche projektiven Identifizierungen durch einen »falschen Blick« in Gang gesetzt, der einen Moment zu lang auf dem Verletzbaren ruht und auf ihn bedrohlich wirkt.

Es gibt allerdings auch eine abgekürzte, psychotisch entglittene Variante der projektiven Identifizierung. Psychotisch entglitten deswegen, weil sie ohne jeden noch so flüchtigen emotionalen Austausch mit dem Opfer der Projektion vonstatten geht. Der Projektor kann sich gar nicht mehr Zeit lassen und die Mühe machen, an irgendwelchen Affekten des anderen anzudocken oder sie in ihm wachzukitzeln, sondern deponiert seine eigene innere Hölle unvermittelt im erstbesten Mensch, der seinen Weg kreuzt. Um sich selbst vor der psychotischen Entgrenzung und der Vernichtung durch innere »böse« Objekt- und Selbstanteile zu retten, tötet oder verletzt er andere Menschen.

 

Wegen dieser brutalen Indienstnahme des anderen für eigene Selbsterhaltungszwecke sprach der englische Psychiater David Cooper davon, dass die »Paranoia (…) eine Form der Hypernormalität, eine faschistische Existenzform« sei. Auch in der »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer und Adorno ist im Antisemitismus-Kapitel von der »pathischen Projektion« die Rede: »Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr.« Bis in die Gegenwart des Rechtspopulismus können wir diesen Mechanismus der »pathischen Projektion« beobachten: Die Verfolger von der AfD und anderer ausländerfeindlicher Gruppierungen spielen sich auf, als wären sie die Verfolgten.

Selfies mit Blutflecken

An dem Tag, an dem sich in Düsseldorf der Axtanschlag ereignete, stellte sich in einem griechischen Imbiss in Herne ein junger Mann namens Marcel H. der Polizei und gestand die Ermordung eines neunjährigen Nachbarsjungen. Außerdem wies er die Polizei auf eine brennende Wohnung in der Nähe hin, in der diese auf die Leiche des 22jährigen Bewohners stieß. Er war genau wie der kleine Junge mit einer Unzahl von Messerstichen getötet worden. Der umfangreichen und nach Mitteilung der Ermittler »emotionslos und eiskalt« vorgetragenen Aussage des 19 Jahre alten Täters nach hatte dieser sich zunächst am Montag selbst umbringen wollen. Er sei enttäuscht und wütend gewesen, weil die Bundeswehr seine Bewerbung als Zeitsoldat abgelehnt und er nach einem Umzug mit seinen Eltern keinen Internetzugang mehr hatte. Er bezeichnete sich als »computer- und spielsüchtig«. Er habe in seiner Wohnung Grillkohle entzündet, um an einer Kohlenstoffdioxidvergiftung zu sterben. Er habe aber die Räume nicht gut genug abgedichtet und außerdem sei der Rauchmelder losgegangen. Nach dem Scheitern seines Suizidversuchs habe er beschlossen, etwas zu tun, was ihn in den Knast bringen würde. Er würde jemanden töten. Das Opfer sollte derjenige sein, der nach dem Klingeln im Nachbarhaus die Tür öffnete. Es traf den Neunjährigen. Er tötete ihn im Keller des Hauses mit 52 Messerstichen, machte Selfies, auf denen er blutverschmiert neben der Leiche des Jungen zu sehen ist. Anschließend verschickte er diese Bilder über den Messengerdienst Whatsapp und brüstete sich in der Folge in einem auf die Verbreitung von pornographischen und brutalen Bildern spezialisierten Internetforum mit seiner Tat. Dann begab er sich zu einem Bekannten, mit dem er gelegentlich am Computer spielte. Als dieser ihn, nachdem er einen Fahndungsaufruf auf Facebook entdeckt hatte, am nächsten Morgen zur Rede stellte und ankündigte, die Polizei verständigen zu wollen, tötete er ihn mit 68 Messerstichen. Auch von dieser Leiche postete er ein Foto samt Begleittext. Er blieb dann bis Donnerstagabend in der Wohnung und verfolgte online, wie er in jenem Internetforum zu einem Star aufstieg. »Oh mein Gott, ist das real? Mein erster Mord auf 4chan. Fuck Yeah!« schrieb ein offenbar begeisterter User.

Die Sonntagsausgabe der FAZ vom 12. März fasste noch einmal zusammen: »Ein Mann ermordet ein kleines Kind, veröffentlicht Bilder davon quasi in Echtzeit im Internet und lässt das ganze Land daran teilhaben, wie er auf der Flucht einen weiteren Menschen umbringt. Und die Plattformen, auf denen seine Taten verherrlicht werden, sind völlig legal. (…) Zu fast jeder Tageszeit in der vergangenen Woche reichten ein paar Klicks, und jedes Kind konnte sehen, wie Marcel H. strahlend vor der Leiche eines neun Jahre alten Jungen posierte.« Marcel H. war bis dato nicht polizeibekannt. Er war nach dem Verlassen der Realschule arbeitslos und galt bei Nachbarn als schüchterner und kontaktscheuer Einzelgänger. Mitschüler gaben zu Protokoll, Marcel habe einen »regelrechten Armeefimmel« gehabt.

Mir kommt die Empörung über das Verhalten des jungen Mannes scheinheilig vor. Wo ist die Entrüstung, wenn es um das Posten von Aufnahmen von Unfällen, Katastrophen und Verbrechensschauplätzen geht? Das Streben nach Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, das uns hier in einer gefährlichen Form begegnet, stellt die pathologisch entglittene Extremvariante eines verbreiteten narzisstischen Modus heutiger Identitätsbildung dar: Immer mehr vor allem junge Menschen versichern sich über täglich gepostete Fotos ihrer Existenz und ihres Marktwerts. Sie drängen in die diversen Castingshows, und wer bei »Deutschland sucht den Superstar« nicht landen kann, dem bleibt dann immer noch die Möglichkeit, als Amokläufer oder sonstiger Übeltäter Berühmtheit zu erlangen. Viele Jugendliche leiden unter chronischen Anerkennungsdefiziten, und wenn man innerhalb der Gesellschaft keine Anerkennung finden kann, dann eben außerhalb oder gegen sie. Die Laufbahn als Missetäter steht auch dem »Lumpenproletariat der Beachtungsökonomie« (Georg Franck) offen; negative Aufmerksamkeit ist besser als gar keine. Eine Gesellschaft, die im Interesse des Massenkonsums durch Werbung und Unterhaltung den Narzissmus unentwegt stimuliert, darf sich nicht wundern, wenn auch dessen maligne, also bösartige und destruktive Formen vermehrt zutage treten.

Ein Tag zum Ausrasten

Ich werde vom Lärm eines Laubbläsers aus dem Schlaf gerissen. Die Milch für den Cappuccino kocht über. In der Post ein seitenlanges Formular, das ich auszufüllen habe. Der übliche Horror in der Zeitung. Der Laubbläser verbindet sich mit einer Motorsäge und dem Staubsauger in der Wohnung unter mir zu einer schrillen Kakophonie. Dagegen komme ich mit dem Radio nicht an. Mit dem Rad zum Einkaufen. Ein Autofahrer stößt seine Wagentür auf und holt mich beinahe aus dem Sattel. Beim Einkaufen fährt mir jemand mit dem Einkaufswagen in die Hacken. Kein Wort der Entschuldigung. Ein hochaggressiver Mann wirft seine Einkäufe meterweit in seinen Wagen und brüllt herum. Lemmy Kilmister, der Sänger von Motörhead, fällt mir ein, der mal gesagt hat: »Die Regel lautet: acht von zehn (…). Acht Idioten an einem guten Tag. Sonst: neun. An einem schlechten Tag triffst du zehn Leute, und einer wie der andere ist ein kompletter Vollidiot.« Heute ist ein Tag, der in Richtung zehn von zehn weist, oder hundert von hundert. Gedränge und Geschiebe, als eine weitere Kasse aufgemacht wird. Der Kassierer redet, während er meine Einkäufe über den Scanner zieht, laut mit einer Kollegin. Geräusche dringen von überall her wie Speere in mich ein. Auf dem Heimweg überholt mich ein röhrendes Motorrad, wenig später ein zu einer Klangbombe umgebautes Automobil. Unglaubliches Gedränge in der Fußgängerzone, die ich durchqueren muss. Digitale Somnambule kreuzen meinen Weg. Dumme Handysätze dringen an mein Ohr. Was ich von den Menschen sehe, sind tote Augen, müde Gesichter und Glieder, Hass, Ärger und Gereiztheit. Ich habe das Gefühl, in jedem Augenblick könnte jemand ein Messer hervorziehen – einfach so. Dieser Jemand könnte auch ich sein, denke ich. Es wird mir alles zuviel. Unter einer dünnen Oberfläche des Alltags herrscht Krieg. Ich sehe zu, dass ich nach Hause komme.

Wo sollen wir hin mit unseren Aggressionen? Ich erinnere mich an eine Szene aus einem türkischen Spielfilm. Ein Mann, der sich über irgend etwas geärgert hat und wütend ist, geht raus in den Hof und hackt wie ein Berserker Holz. Die Wut entspannt sich dabei, und er kehrt ins Haus zurück, die Gefahr ist gebannt. Die Automatisierung und die bürokratische Verregelung unseres hochzivilisierten Alltags verringern die Möglichkeiten der motorischen Spannungsabfuhr. Wo werden noch Teppiche geklopft, Briketts hochgeholt, Gärten umgegraben und Tiere geschlachtet, wo wird noch Holz gehackt oder Teig geknetet? Fahrstühle und Rolltreppen tragen uns hinauf und hinab, Türen schließen und öffnen sich automatisch, die Tastatur des PCs reagiert auf feinste Berührungen. Kaum irgendwo ist noch leibliche Anwesenheit und körperliche Kraftanstrengung gefordert. Alles wird gewaltlos zwangsgeregelt. Je weniger wir uns körperlich anstrengen und je gesitteter wir uns benehmen, desto leichter kann uns das Phantasma alles verschlingender Gewalt in seinen Bann ziehen.

Insofern ist die rohe, an kein Ritual gebundene Gewalt das Produkt der am weitesten fortgeschrittenen Zivilisation. Wenn wir den Mut dazu hätten, könnten wir uns im Spiegel von Terror und amokartiger Gewalt selbst erkennen. Aber da zerbrechen wir lieber den Spiegel und erklären die Täter, sofern sie keine islamistischen Terroristen sind, im Handumdrehen zu »psychisch gestörten Einzeltätern«. Auch wenn sie gelegentlich tatsächlich krank sind, ist ihre Krankheit die des gesellschaftlichen Ganzen. Je offensichtlicher ein Täter das Ensemble seiner und unserer gesellschaftlichen Verhältnisse ist, desto lauter der Aufschrei der Empörung und desto vehementer der Versuch, ihn außerhalb des Normalen zu verorten.

»Jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient«, sagte der französische Rechtsmediziner Alexandre Lacassagne. Die klassische Beziehungstat, der Mord aus Eifersucht oder wegen in Hass umgeschlagener Liebe, die bis heute das Gros der Tötungsdelikte ausmachen, wuchs aus der Erwärmung des familiären Klimas hervor. Diese verdankt sich einer komplizierten Dialektik, die am Beginn des kapitalistischen Zeitalters ein soziales Kältegefühl in private Erhitzung umschlagen ließ. Demgegenüber stammt der Amoklauf aus Kälte, fehlenden Objektbeziehungen und um sich greifender Indifferenz. Indifferent eliminiert der Amokläufer ebenso indifferente Wesen. Der Amoklauf wird das kriminelle Anlitz der Gesellschaft des entfesselten Kapitalismus prägen. Die sich in ihm ausdrückende Form des reinen und richtungslosen Hasses bildet die Kehrseite einer Gesellschaft, in der die Warenform universell geworden ist und sich die Menschen in totale Selbstverwertungsmonaden verwandelt haben.

Wer trägt die Verantwortung?

Erinnern wir uns zum Schluss an die Lage des Pächters in John Steinbecks Roman »Früchte des Zorns«. Das Land des Pächters ist verkauft worden, und ein Angestellter des neuen Besitzers naht mit einer Planierraupe, um sein Haus abzureißen. Der Pächter stellt den Fahrer zur Rede und droht, ihn zu erschießen, wenn er an seinem Vorhaben festhält. Der Fahrer sagt: »Ich kann nichts dafür. Ich verliere meine Arbeit, wenn ich’s nicht mache. (…) Du bringst nicht den Richtigen um.« »Ja, ja«, sagt der Pächter, »wer hat dir den Befehl gegeben? Dann werde ich mich an den halten. Er ist der, wo umgebracht werden muss.« »Du hast Unrecht. Er hat auch nur seinen Befehl von der Bank. Die Bank hat ihm gesagt: ›Schmeiß die Leute raus, oder du fliegst.‹« »Ja, aber es gibt doch einen Präsidenten von der Bank. Es gibt doch Direktoren. Da fülle ich eben mein Gewehrmagazin und gehe in die Bank.« Darauf antwortet der Fahrer: »Jemand hat mir erzählt, die Bank hat Befehl aus dem Osten gekriegt. Und der Befehl war: ›Sorgt dafür, dass das Land was abwirft, sonst machen wir euch die Bude zu.‹« – »Aber, wo hört das denn auf? Wen können wir denn erschießen? Ich habe keine Lust zu verhungern, eh’ ich den Mann umgebracht habe, der wo mich aushungert.« – »Ich weiß es nicht. Vielleicht ist da überhaupt niemand zu erschießen. Vielleicht ist das Ganze überhaupt nicht von Menschen gemacht«, sagt der Fahrer.

Die Wut des Pächters dreht sich im Kreis. Seine Situation ist auch die unsere. Eine an Franz Kafkas Romane erinnernde Anonymisierung der Herrschaft lässt unsere Wut ins Leere gehen. An wen sollen wir uns halten, wen können wir zur Verantwortung ziehen? Wer ist schuld an unserem diffusen Unbehagen und unserer Misere? Wir werden von unsinnlichen Abstraktionen und um die Erde zirkulierenden Geldströmen beherrscht. Aber, was ist das, ein Geldstrom? Die Dispersion und Anonymisierung der Verantwortung führt zur »Herrschaft durch niemanden«, wie Hannah Arendt gesagt hat. Die Verhältnisse sind zum Verrücktwerden und Aus-der-Haut-fahren. Nicht entäußerte Aggressionen fressen sich in den Körper und verwandeln sich in ein chiffriertes Krankheitsgeschehen. Das Gros der heutigen psychosomatischen Erkrankungen geht vermutlich auf das Konto gestauter Aggressionen und zielgehemmter Wut zurück, auf denen die Menschen sitzen bleiben. Der Körper formuliert sein stummes Nein gegenüber den Verhaltenszumutungen einer Realität, die immer unerträglicher wird.

Aufgabe einer kritischen Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft ist es, die exotisch-verrätselte Sprache der Symptome zu dechiffrieren, die Leidenserfahrungen der Menschen beredt werden zu lassen und ihre Ursachen ins Bewusstsein zu heben. Der diffuse Rohstoff der Rebellion bedarf der Regulierung durch eine intellektuelle und moralische Instanz, die ihn dem Sog der Regression entreißt und ihn in eine aufklärerisch-emanzipatorische Richtung leitet. Gelingt das nicht, besteht die Gefahr, dass die diffusen, frei flottierenden Unruhe- und Leidenszustände sich blind und vandalisch entäußern oder von rechts angeeignet und gegen Minderheiten in Gang gesetzt werden.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/307756.amok-und-abbildung.html?sstr=amok|mund|abbildung